Blame alle außer die Rechten, Kapitel 9857744

Derzeit gibt es einen ekelhaften Backlash von “Identitätspolitik”-Feinden und Konservativen gegen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, die gern unter “Political Correctness” oder “Identitätspolitik” gefasst werden, geframed werden. Er erfolgt auf ganz verschiedenen Niveaus und in verschiedenen Nuancen: Das geht vom deutschen Blogrant oder der Sibylle Berg Kolumne im Spiegel bis zu New York Times, Vox.com, Daily Beast oder im Soziologie-Research-Blog der London School of Economics. Blaming Identitätspolitik und political correctness für das Aufblühen der Rechten, das eint dann sogar Junge Welt und Jungle World. Einen Jungle World Artikel hatte ich auf Facebook gepostet, um dort auch mal wieder etwas beizutragen, womit ich nicht einverstanden bin. Ganz und gar nicht. In den Kommentaren wurde ich um eine Erklärung gebeten, warum mir der Artikel aufstößt. Das wurde jetzt so lange, dass ich’s hier blogge, statt nur dort zu kommentieren.

Ein Auszug aus dem Jungle World Artikel ‘Der Archipel der Enthemmten: Über alternative Rechte, reaktionäre Linke und den »cultural war« in den USA’ von Felix Schilk und Tim Zeidler:

“Obwohl die Ideologie der Alt-Right maßgeblich auf »weiße Identität« fixiert ist, wäre es falsch, das Phänomen ausschließlich als eine neue Manifestationsform des weißen Suprematismus zu verstehen, wie es linke Kritiker in den USA und Deutschland überwiegend tun. (Jungle World 38/2016)

Durch ihre provokative Artikulationsform und die fundamentale Zurückweisung von universalistischen Werten vereint die Alt-Right eine Bandbreite an Positionen und stößt auch bei vielen Rechtslibertären auf Zuspruch. Einer dieser Fürsprecher ist der free speech fundamen­talist Milo Yiannopoulos, der auf Breitbart, einer der wichtigsten konservativen Nachrichtenseiten der USA, einen vielzitierten Leitfaden über die Alt-Right schrieb und ihr als Journalist in den Medien zu Aufmerksamkeit verhilft. Yiannopoulos zufolge ist die Alt-Right als eine subver­sive Gegenkultur zur diskursiven Hegemonie der US-amerikanischen Linken zu verstehen, die junge Rebellen anziehe, weil sie Fun, Grenzüberschreitungen und die Infragestellung sozialer Normen verspreche.”

Nur mal so als Gschmäckle. Der Artikel übernimmt in großen Zügen die Selbstdefinition der “Alt-Right”, und verkennt, dass es ein gezieltes Branding ist – nix anderes als was die Die Identitären versuchen. Die Alt-Right Selbstdefinition als Subkultur gegen die – vemeintliche! – Vorherrschaft von P.C. Culture oder “Identitätspolitik” oder “social justice warriors” einfach zu übernehmen, wie es in diesem Artikel in großen Teilen passiert und die anti-feministische rassistische Gamergate-Ikone Milo “social justice is cancer” Yiannopoulos als Meinungsfreiheitfundamentalisten zu verharmlosen, ist für eine linke Zeitung unter aller Kanone. Das als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen, heißt den Kampf gegen oder von unten und den Kampf für Unterdrückung oder von oben gleichzusetzen. Die Ideologie dahinter, die Gleichberechtigungs- und die Kämpfe um öffentliche Wahrnehmung von Marginalisierten als reine Befindlichkeiten zu diskreditieren, sie als alles durchdringendes akademisches ränkeschmiedendes Eliten-Netzwerk darzustellen, statt als Arbeit gegen intersektionale Diskriminierung und Marginalisierung, dient diesen Neo-Nazis natürlich. Den Kampf um soziale Gerechtigkeit als Beschneidung der Rechte und Meinungsfreiheit derjenigen zu inszenieren, die um ihre dominanteren Rollen in der Gesellschaft fürchten, ist eine reaktionäre Taktik, um eine Spaltung der gesellschaftlich Benachteiligteren entlang der Linie gender/race/etc. und class/labor zu erreichen. Dass dabei inzwischen Theorien und Techniken von Rechten verwendet werden, die eigentlich Marginalisierten helfen sollten, ist perfide, aber das mitzuspielen, und “Social Justice Warriors” als Ursache oder Mitursache des Erstarkens der Rechten zu interpretieren, toppt das noch. 

Vieles an der Kritik an Gender Studies, Critical Whiteness, etc. – eben der sog. “Identitätspolitik” auf akamischen Level, hat schlicht mit einer Spezialisiertheit des akademischen Diskurses zu tun und mit einer allgemein gestiegenen Feindlichkeit gegenüber Geisteswissenschaften in einer Zeit der “factiness”. Gegen Quantenphysik wird nicht so gegeifert. Darauf zu beharren, dass Diskussionen um Marginalisierung vom Klassenkampf etc. ablenken, bloß weil man selber nicht oder weniger von selbiger betroffen ist, ist schon nachvollziehbar. Aber – und das jetzt noch konkret zur Universität als safe space – es muss doch umgekehrt auch nachvollziehbar sein, dass es dabei darum geht, einen Ort zu schaffen, an dem alle ausgeglichene Voraussetzungen für Diskussionen haben. Level ground, nicht cocooning. Irgendwie wird da immer so eine schräge Nullsummenrechnung aufgemacht: Wenn ich den einen mehr Sicherheit gebe, dann nehme ich den anderen was weg. Und eben auch gerne in den latent misogynen Begriffstopf rund um “sensibel”, “emotional”, “hysterisch” und ja – auch “narzisstisch” gepackt. (Die Konnotation bleibt, auch wenn der Begriff für eine etwas verkrampfte psychoanalytische Legitimisierungsvariante des “SJWs are to blame for Alt-Right”-Klischees eingesetzt wird, die außen vor lässt, dass der Kampf um soziale Gerechtigkeit aus einer gesellschaftlichen Benachteiligung heraus wuchs, während die Alt-Right schlicht für klassische White Supremacy in neuem Gewand steht.) Egal, zum Universitären hat das gestern auf Twitter Karen Gregory eh schön auf den Punkt gebracht:

“There is no labor history that is not the history of discrimination. And so there is no easy return to “studying labor” without critical race theory, intersectionality, queer studies, feminist marxism. Also, if you want to know what the “academy” gets things wrong take a look at the labor practices in the academy. You have tons of good research being written by people who don’t understand where their careers are to be made because we have fully undone any sense of security in academic life. How many dissertations might have been the books we need now? It is the fantastic destruction of the university as a public social institution that put us “out of touch.” Not women, POC, queer theory.”

Und gleich noch Charles Davis hinterher:

U.S. liberalism is a toxic ideology, at home and abroad, but jettisoning “identity politics”–the defense of vulnerable people on issues that are matters of life and death–is the absolute wrong lesson to take from a four percent swing among registered voters who actually decided to vote. Trump’s campaign was itself based on identity: whiteness. The response is not abandoning identity in politics, but developing a more radical version of it that advocates equality within a socialist critique of an economic system designed by and for predominantly white men with capital.”

So viel mal schnell aus dem Bauch von mir als Nicht-Akademikerin dazu runtergetippt.
Und wenn ich sie schon zitiere, sei bei dieser Gelegenheit doch auch gleich Karen Gregory’s Talk zu “Digital Labour and Exploitation” empfohlen, ein wirklich guter Überblick und Ausblick zu diesem Thema.

P.S.: Das einzige was uns insgesamt vorzuwerfen wäre, ist, dass wir allesamt nicht darauf vorbereitet waren, uns dagegen zu wehren, dass sich die Rechte die Post-Moderne und Strategien, die Minderheiten helfen sollten, in einem teuflischen Mischmasch angeeignet hat.  Was lustigerweise ausgerechnet ein Artikel auf MTV.com mit am besten auf den Punkt bringt. Aber der hier auch. Mal sehen, ob uns dieses hart erlangte Wissen nun hierzulande gegen AfD & Co. helfen wird.

PSPS: 

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11 comments on “Blame alle außer die Rechten, Kapitel 9857744

  1. Danke dafür!
    Ich bin eingangs ein bisschen über den Begriff “Anti-Identitäre” gestolpert, liegt wohl daran, dass meine Hauptassoziation mit dem Begriff im Deutschen erst mal die Identitäre Bewegung ist. Ist das ein gängiger Begriff für Kritiker_innen sogenannter Identitätspolitik?

    via facebook.com

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