Genderkongress gegen den Genderkongress

 

Heute Abend, 11.5.17 (20 Uhr, Eintritt frei) veranstalten wir im Zentralcafé den Genderkongress gegen den Genderkongress.

Es gibt seit vielen Jahren eine internationale Männerrechtsbewegung, die ein stark vereinfachendes Bild von Feminismus schürt, das ihn einfach mit Männerhass gleichsetzt, was ihr Eintreten für Männerrechte angeblich so notwendig macht. Was sie von klassischen Antifeministen unterscheidet, ist laut einer Expertise von Hinrich Rosenbrock für die Heinrich-Böll-Stiftung, dass sie nicht mehr von der Überlegenheit des männlichen Geschlechts ausgeht, sondern Männer als Opfer einer vermeintlichen Femokratie, also einer Herrschaft von Feministinnen darstellen, so findet sich auch unter den Quellen, die der Genderkongress als inhaltliche Basis angibt, ein “Femokratie-Blog”. Benachteiligungen von Frauen werden ausgeblendet oder abgeschwächt, damit eine männliche Opferideologie entwickelt werden kann – nicht unähnlich der Strategie der neuen Rechten, die sich als Opfer einer linken politischen Korrektheit und eines sogenannten Gutmenschentums selbst darstellt. Eine im Vergleich zu früher größere Teilhabe von Frauen und Queers am öffentlichen Leben wird als Herrschaft von Feministinnen und “Genderwahnsinnigen” misinterpretiert, pseudowissenschaftliche Strategien und rhetorische Ablenkungsmanöver runden das Ganze ab.

Wenn du dir die Liste der Verbände anguckst, die auf der Website des Genderkongresses aufgezählt werden, wird schnell klar, dass es hier nicht um Gleichberechtigung geht und dass sich Gender lediglich im Titel findet, um das Vokabular der Gegner zu übernehmen und inhaltlich zu entleeren. Auf der Namensliste der Gruppen, auf deren Arbeit der Genderkongress inhaltlich basiert, taucht das Wort “Frau” nur 1x auf, und zwar bei der Gruppe “Women against Feminism”.  Dagegen stehen 32 Vereine mit “Mann” oder “Männer” im Namen, es sind einige dabei, die auch gerne Mal auf rechte Seiten wie die der Jungen Freiheit verlinken.

Und ungefähr 25 der Verbände haben “Väter” im Namen. Das große Thema Väterrecht übrigens mal näher angeguckt, bzw die Behauptung dass es eine systematische Ungerechtigkeit gäbe und Kinder viel häufiger Müttern zugesprochen würden statt das gemeinsames Sorgerecht herrsche, findet sich vom Statistischen Bundesamt zu 2013 (aktuellere Zahlen habe ich jetzt nicht gefunden), das Ergebnis, dass bei fast allen Scheidungen, bei denen gemeinschaftliche minderjährige Kinder betroffen waren (genauer gesagt: 96 %), das Sorgerecht bei beiden Elternteilen blieb. Das zeigt ganz schön, wie da Themen unverhältnismäßig hochgejizzt werden. Ich will jetzt gar nicht abstreiten, dass bei sowas auch Vätern mal Unrecht getan wird, aber daraus so ein Weltbild zu konstruieren, wie es eben auch das Väternetzwerk tut, das den Genderkongress organisiert, geht halt völlig an der Realität vorbei.

Was sich bei den Gruppen, die der Genderkongress als inhaltliche Basis seiner Arbeit aufzählt, auch noch findet, sind so homo- und transphobe Gruppen wie “Demo für alle”, ein Ableger von der französischen Bewegung La Manif Pour Tous, was es besonders widersinnig macht, dass auch das Schwulenmagazin ‘Männer’ da zu finden ist. Und Gruppen mit Namen wie “Gender-Wahn stoppen!” und “Gender-Unsinn” sind auch noch dabei. Von den maßgeblichen Gruppen von Männerrechtlern, die Rosenbrock in seiner Expertise für Deutschland herausgearbeitet hat, finden sich übrigens z.B. MANNdat und wgvdL.com (also “Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land”) auch unter den Unterstützern des Genderkongresses.

Gefährlich an dieser ganzen Männerrechtsgeschichte ist auch ihre starke Rechtsoffenheit, da kann das geteilte Gefühl, von Feministinnen unterdrückt zu werden, eben anscheinend eine ganz schön starke Sogwirkung entwickeln. Und in der extremen Rechten ist die Frauenfeindlichkeit ein zentraler Punkt, der sich ja auch bei den meisten rechten Attentätern stark ausgeprägt findet: Ob beim norwegischen Anders Behring Breivik, der von einer “Feminisierung der europäischen Kultur” und einer angeblichen “Kriegsführung gegen den europäischen Mann”, oder ob beim UC Santa Barbara Attentäter Elliot Rodgers, der ein 140seitiges Manifest des Frauenhasses hinterließ, und zahllosen anderen. Das sind Extremfälle, ich will damit nicht sagen, dass aus jedem Mann, der sich ungerecht behandelt fühlt, ein Attentäter wird, aber es ist doch bedenklich, dass der wohlvernetzte Antifeminismus bis in die extreme Rechte hineinreicht und oft die ideologische Brücke darstellt, die auch die Akzeptanz anderer rechter Ideologien erhöhen kann. Ich kritisiere den Genderkongress also nicht nur für seine Frauen- und Queer-feindlichkeit, die mich natürlich auch persönlich betrifft, sondern auch dafür, dass solches Bonding durch oder über Antifeminismus als Einstiegerlebnis in rechte Gefilde dienen kann. Und davon, dass sich Männer gerne in einer eingebildeten Unterdrückung durch Feministinnen gegenseitig auf die Schulter klopfen, zieht sich eine gerne verharmloste Linie von alltäglichen Witzeleien eben bis hin zu aktiven Männerrechtlern und von dort bis hin zu rechten Bewegungen.

Unser Genderkongress heute Abend soll zum einen eine Konterveranstaltung und einen Protest darstellen, eben mal in einer anderen Form, ergänzend zu dem Protest, der am Samstag bestimmt auch wieder direkt vor Ort stattfinden wird. Ich wollte auch keinen trockenen reinen Info-Abend machen, sondern eine Mischung aus Information und Geschichten erzählen, ein “Zammhocken” gegen Antifeminismus, ein Bonding über die Ablehnung von Männerrechtsbewegungen. Und dabei war mir wichtig, dass nicht nur Frauen etwas beitragen, sondern dass da auch mal gerade bei so einem Thema mehr Männer auf der Bühne stehen als Frauen, symbolisch dafür, dass die Männerrechtler eben gewiss nicht für die Mehrzahl der Männer da draußen stehen – laut einer ganz aktuellen Studie des Bundesfamilienministeriums vom März diesen Jahres teilen nur 5% aller Männer die antifeministischen Ansichten der Maskulisten, allerdings: Ein Drittel aller Männer – und 15,2% aller Frauen – seien für einzelne derer Einstellungen empfänglich. Ich hatte noch mehr Leute gefragt, ob sie heute etwas beitragen wollen, und es hat gut getan, zu hören, dass fast alle sofort dabei gewesen wären, nur einige einfach zu viel um die Ohren hatten, als dass sie da so relativ kurzfristig etwas machen konnten.

Ich stell euch kurz vor, wen und was ihr hier heute hören werdet:

Mein Beitrag dreht sich um Matrix und die Manosphere: da geht’s darum, wie der Film Matrix von Männerrechtlern und Neu-Rechten aufgegriffen wird.

Dann wird Theo Fuchs darüber reden, warum nach dem 2. Weltkrieg vor allem in Deutschland Frauen keine angemessene Rolle mehr in Naturwissenschaft und Technik spielten.

“Unbeschreiblich weiblich” – Dilara wird danach über Abtreibung lesen.

Dann stellt Manu Gambert die Frage “Und wer profitiert wieder davon?” Er erzählt etwas über das Verhältnis von Antifeminismus und Verschwörungsideologien.

Gefolgt wird er dann noch von Keno vom Salon der unerfüllten Wünsche mit einem Auszug aus einem Vortrag über Sexmaschinen, da wird’s um die Queer-Theorien von Paul B. Preciado und über Kitt Stubbs’ technische Verbesserung von Bio-Penissen.

Und es wird kritischen Kuchen und Pizza von ein paar Musikvereinsleuten geben – wer dafür eine kleine Spende hinterlassen will, damit die “Material”kosten wieder reinkommen: einfach an der Theke spenden!

Ich danke jetzt schon mal allen, die da mitmachent, und auch an’s Publikum schon mal danke für’s Erscheinen und viel Spaß beim Zuhören und Plauschen und überhaupt!

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19 comments on “Genderkongress gegen den Genderkongress

  1. Vielen Dank für die Einordung von heute Abend. Ich fand die hohen satistischen Zahlen des gemeinsamen Sorgerechts sehr interessant. War vor ca. drei Jahren im Rahmen eines Familienrechtsseminars einmal auf einer Veranstaltung zum „Wechselmodell“ in Köln, bei der auch eine Vätervereinigung im Plenum war. Das hat, was Opferrolle etc. angeht, schon ziemlich genau das widergespiegelt was du beschreibst 😥

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