“Ignoranz als Überparteilichkeit”

“Mehrheitsgesellschaft, die ihre Ignoranz als Überparteilichkeit feiert” – dieses Zitat von Martin Krauss trifft, wogegen auch ich mit verschiedensten Leuten die letzten Tage versucht habe, anzudiskutieren. Ich habe mich dabei oft geärgert, dass ich das Gefühl hatte, mich oft nicht gut genug in der Sprache meines Gegenübers ausdrücken zu können. Ich habe mich oft ungebildet gefühlt. Nicht schön, weil ich es gewohnt bin, wenn ich etwas nicht weiß, entspannt dazu zu stehen und solange zu fragen, bis ich es verstehe. Und umgekehrt, zu erklären, bis ich das Gefühl habe, mein Gegenüber hat verstanden, um was es mir geht. In letzter Zeit habe ich mich auf ein paar Diskussionen eingelassen, die diesbezüglich wirklich zermürbend waren. Gerade auch, weil ich es gewohnt bin, mich halbwegs ausdrücken zu können, aber hier wurde mir manchmal die Sprache unter den Füßen weggezogen. Ob das nun ein Verschwörungstheoretiker im Bekanntenkreis ist oder jemand, der sich so lange eine rechte Filterbubble aus Horizontserweiterunggründen angetan hat, dass er gar nicht mehr merkt, wieviel Verständnis er inzwischen für die Rechten zeigt und wie wenig für deren potenzielle Opfer. Oder einer der Autoren von “Mit Rechten reden”.

Ich fühle mich ja oft unzureichend in solchen Auseinandersetzungen, vor allem wenn es eine bestimmte Sorte bisserl akademischerer weißer nicht-mehr-ganz-junger Männer ist, die gewohnt sind, ihre Position kein Stück weit in Frage zu  stellen, sondern meinen, aus einer Position purer Rationalität und Objektivität zu sprechen. Von da aus halt, wo Objektivität den Beigeschmack der Objektivierung des Gegenübers (im Sinne davon, ihm nicht auf Augenhöhe zu begegnen) trägt und Diskussion ein Schachspiel, ein Battle, ein Game, ein technische Fingerspiel ist. Von Evo-Psych bis Philosophie oder Politikwissenschaft – Bro Culture is everywhere.

Sehr anstrengend ist das jedenfalls alles zur Zeit. Und ich wollte mich doch weniger mit Politik befassen und wenn, dann mehr mit Kulturthemen. Filme und Bücher besprechen, Herumtheoretisieren zur Kultur der Digitalität, und überhaupt: wieder mehr Musik machen! Zur Zeit fühlt sich’s eher an, als suchen (um nicht zu sagen verfolgen) die Themen mich anstatt dass ich sie mir aussuche. Und meine Neugierde, dieses elende quengelnde “ich muss das jetzt aber wissen!” lässt mich da wohl nie los. ^^

Und jede Diskussion bereichert mich ja auch, und Austausch ist “in diesen Zeiten vielleicht wichtiger denn je”. Bloß nicht mit Rechten. :sadlol: Wie der Historiker Volker Weiß in dem Artikel, aus dem auch das Eingangszitat war, treffend zusammenfasst: Inhaltliche Auseinandersetzung mit den Neuen Rechten ist sinnlos, weil es ihr darum geht, offene Diskurse auszuschalten. Wenn sie sich darauf einlässt, zu Debattieren, ist das nie als Austausch gemeint, sondern als Promo-Möglichkeit: Es ist eine Möglichkeit, noch mehr Präsenz zu gewinnen und die Grenzen des Sagbaren noch mehr auszuweiten, den Diskurs nach Rechts zu verschieben. Und das gelingt ihnen auch ganz gut. Da muss nur mal ein Blick in die ZEIT der letzten Tage geworfen werden, z.B.

Ein Artikel, der von Bothsideism nur so strotzt, bzw letztlich kaum verhehlt, dass er die Neue Rechte als viel exotisch-faszinierender empfindet als die Langweiler*innen, die dagegen “tanten- und reflexhaft” protestieren.

Ein anderes Beispiel, nebenbei eines von vielen, das das beliebte “die Linken sind schuld am Aufstieg der Rechten” strapaziert (egal ob das dann gerade die SPD, Antifa oder Politisch Korrekte sein sollen):

Ähnlich wie in dem einen Artikel das “Mysteriöse” riechen mir hier Vokabeln wie “Ermächtigungsbewegung” schon fast nach einer Romantisierung von Proto-Faschismus. Das dampft so um das wörtlich Gesagte herum. Kann aber schon mal passieren, wenn es für sinnvoll gehalten wird, moralische Gesichtspunkte aus der Diskussion zu streichen, um so vermeintlich rationaler urteilen zu können. Aber mei, wie ein Freund auf Facebook meinte: “hierzulande wird einfach traditionell gern den Tätern zugehört.”

Und um noch mal deren Inhalte deutlich zu machen, ein letzter Satz aus Krauss’ Artikel: “‘In Publikationen von Antaios wird das Frauenwahlrecht infrage gestellt, ein einkommensabhängiges Klassenwahlrecht gefordert und die Demokratie zur Herrschaft der Minderwertigen erklärt.’ Kaum verhüllter Hass auf Juden, mit Häme garniertes Kleinreden der Schoa – es bahnt sich an, dass das zur normalen und legitimen Meinungsäußerung avanciert.”

Okay, das waren zwei Sätze. Und eigentlich wollte ich ja heute endlich was zu Blade Runner 2049 bloggen.

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