Pokémon Quo?

wp-1468449637316.jpg

Vergiss Virtual Reality, Augmented Reality (AR) wird überall für ein ganz neues WTF Level sorgen, und mit WTF meine ich zum Beispiel, dass es viele Leute überhaupt erst gewahr werden lässt, in was für verschiedenen Realitäten sie leben, und es sie sich fragen lassen wird, was überhaupt „real“ bedeuten soll.

Pokémon Go (P-Go), ein AR Geocaching Spiel macht die ganze Welt zum Spielfeld (statt wie in VR dich der Alltagswelt zu entziehen und dir via spezieller Brille vorzugaukeln, dass du dich woanders befindest). Während du durch den Park läufst, siehst du auf deinem Smartphone-Display dein Avatar eine aufgehübschte Variante von Google Maps entlanglaufen. Wann immer ein Pokémon in der Nähe auftaucht, schaltet sich AR ein und lässt dich mit Hilfe von GPS und Kamera deines Smartphones, dich das Kreatürchen auf deinem Display so rumhüpfen sehen, als befände es sich in deiner tatsächlichen Umgebung. Du kannst Pokémon fangen wo immer auch du gerade bist, und kleine und große (meist) öffentliche Orte werden zu Pokéstops oder Gyms – das reicht vom bemalten Stromkasten über meine Lieblingsbäckerei bis zu einer Kirche. Durch diese Mischung von AR und Geocaching befreit P-Go das Spielen von geographischen Begrenzungen, nicht nur davon wo du spielen kannst (das haben mobile Geräte schon getan), nein: AR scheint eine Game-Ebene über deine physische Umgebung zu legen, und macht damit die Lücke zwischen Spieler*in und Avatar kleiner.

Genauso wie bei Snapchatfiltern ensteht auch bei Pokémon Go eine Faszination aus der Mischung von Bekanntem und Unbekanntem, Vertrautem und Neuem, und macht das Spiel leicht zugänglich für viele Menschen. Es ist kein reines Nerd-Ding. Das Geocaching-Element lässt dich deine vertraute Umgebung auf neue Weise wahrnehmen: überall könnte sich etwas verbergen, das es zu entdecken gilt. Du nimmst plötzlich Dinge in deiner gewohnten Umgebung wahr, denen du vorher nie Beachtung geschenkt hast, und Dinge, die du kennst, werden plötzlich mit einer neuen Bedeutung aufgeladen, wenn du entdeckst, dass sie Pokéstops oder Gyms sind. Selbstverständlich hilft es auch, dass Pokémon Teil des Popkultur-Mainstreams sind, denn damit wohnt der AR Ebene etwas Vertrautes inne. So kannst du gleichzeitig deine nachbarschaftlichen Straßen als etwas Neues erleben und weil die AR Ebene diese putzigen Kreaturen beherbergt, die du bereits kennst, hat sie ein beruhigendes Element – ist nicht nur ein seltsam fremdes neues Technikding. Diese Vertrautheit, ein Hauch von Nostalgie sogar für die Älteren, könnte der Grund dafür sein, dass – obwohl erst seit ein paar Tagen veröffentlicht – P-Go jetzt schon der Eisbrecher für AR Technologie sein könnte. Die Schwelle, bei der sich ein Mainstream noch unangenehm damit fühlt, weil es ihm zu futuristisch und von seinen Konsequenzen nicht abschätzbar erscheint, dürfte für viele mit P-Go spielerisch überwunden sein. Wenn Google Glass erst nach P-Go veröffentlich worden wäre, hätte es besser dafür laufen können, denn wer sehnt sich beim Spielen von P-Go nicht danach, statt eines Smartphones eine digitale Brille zur Verfügung zu haben und der kleinen bunten Kreatur einen *echten* Ball *echt* zuwerfen zu können.

Viele sind vor allem deswegen am Fieber für das Spiel interessiert, weil es ihnen neue Möglichkeiten eröffnet, dir Dinge zu verkaufen, Stichwort ‚Marketing‘ und ja, Pokémon Go ist natürlich selbst auch geschaffen worden, um Geld einzubringen. Und die Wege, in denen es verwendet werden kann, um Geld durch Marketing zu machen, dürften bald genau das sein, was wir daran hassen werden. So wie das bei fast jedem neuen spielerischen Technikding ist, das wir in unsere alltäglichen Leben lassen. Capitalism is why we can’t have nice things for long.

Ich persönlich finde die Nebeneffekte faszinierender als die Möglichkeiten, es für andere Zwecke auszubeuten. Wie durch Zufall könnte P-Go etwas sein, das vielen Menschen gewahr werden lässt, wie tief digitale Technologien in ihrem täglichem Leben eingewoben sind. Damit könnte es ein weiterer Schritt sein, der dazu beiträgt, das Denkschema des Digitalen Dualismus zu beenden: das Denken von Online und Offline als entweder/oder. Als ich vor kurzem auf einem Spaziergang Pokémon Go startete, stellte ich fest, dass es den seltsamen Effekt hat, dass ich nicht nur Aufmerksamkeit für die AR Kreaturen hatte, sondern dass es auch meinen Blick für Vögel und Eichhörnchen oder andere Kleinigkeiten zu schärfen schien, die mir über den Weg kamen.

Dann wäre da noch der soziale Effekt. Für manche Leute hat es einen ähnlichen Nebeneffekt wie das Rauchverbot in meiner Erfahrung brachte: Ich habe so viele neue Menschen dank des Rauchverbots kennengelernt, weil es uns dazu brachte, den Kreis der Freund*innen, mit dem du unterwegs bist, auch mal zu verlassen, und eben auch den lauten Club mal für eine Zigarette oder zwei. So hat es kleine neue soziale Räume entstehen lassen. Ein Freund von mir schrieb, dass er P-Go nicht kapiert, weil der doch spiele weil/wenn er nicht rausgehen will (was ich völlig verstehe ^^). Dank P-Go gehen Spieler*innen aber nun plötzlich aus dem Haus und treffen einander auch noch, denn ab Level 5 kannst du einem Team beitreten und gemeinsam spielen. Wie ein Inverse Artikel es zuspitzte: „Erinnert ihr euch noch daran, als es hieß, du sollst nicht mit Fremden spielen? 2016 hat sich alles geändert.“ Oder, wie Danah Boyd es beschreibt: „In New York City rannten sie in ihre Nachbarn, die, auf ähnlichen Jagden, lachten und herumscherzten, als sie sich gegenseitig ihre Smartphones zeigten und einen gemeinsamen Moment teilten. Dieses Spiel lädt Menschen dazu ein, in ihrer physischen Umgebung umherzuwandern und ihr Umfeld in einer neuen Weise zu sehen – und sogar eine ‚wenn du etwas siehst, sag was‘-Resonanz zu erzeugen in unserer sicherheitsbesessenen Welt.“

Das Gamen auf die Straßen zu bringen hat aber auch noch einen anderen Nebeneffekt. Ich weiß nicht, ob die Spielentwickler sich darüber im Klaren sind, dass unsere Städte keine neutralen Orte sind. Ich nehme an, es ist ihnen egal. Dieses Geocaching AR Spiel könnte uns an die unsichtbaren Grenzen in öffentlichen Räumen erinnern, die uns durch unseren Platz in der Gesellschaft gesetzt sind. Das fängt schon da an, wer das Geld hat, sich eine mobile Datenrate zu leisten um Pokémon Go zu spielen während er oder sie durch die Stadt läuft. Wenn du #blacklivesmatter oder #reclaimthenight verfolgt hast, bist du dir darüber im Klaren, dass öffentlicher Raum als gleichberechtigtes Spielfeld, das uns demokratische Staaten zu garantieren scheinen, eine sehr theoretische und zerbrechliche Sache ist. Letztes Wochenende auf dem nächtlichen Heimweg von einem Konzert wurde ich mir recht schnell dessen bewusst, dass eine Frau nachts auf der Straße ihren Pokémon lange nicht so sorgenlos und frei wie ein Mann hinterherjagen wird. Omari Akil hat darüber geschrieben, wie das Spielen als schwarzer Mann sogar sein Leben in Gefahr bringen könnte. Das sind nur zwei von hunderten von Beispielen.

Wir Menschen einigen uns auf einen gesellschaftlichen Konsens darüber, wie wir über unsere Realitäten reden, und über was überhaupt zu reden akzeptiert ist; ich glaube, im Journalismus nennt sich das Overton Fenster. Dieser Konsens ist nur für wenige die tatsächlich gelebte Realität: für eine imaginäre Mitte. Wir sprechen nicht oft über unsere verschiedenes Erleben desselben öffentlichen Raums, weil es so etwas Alltägliches ist, dass wir es als gegeben annehmen oder zumindest als gegeben annehmen, dass alle wissen, wie es uns ergeht. Erst Blogs, dann Social Media sind ein großer Schritt zum Sichtbarmachen dieser verschiedenen Realitäten geworden: zum dieses Overton Fensters. Je mehr verschiedene Menschen ihre Meinungen und Erfahrungen öffentlich artikulierten und sich vernetzten, desto verwirrender wurde die Welt für jene, die am nähesten an der imaginären Mitte der Gesellschaft leben. Je weiter weg deine gelebte Realität von dieser Mitte ist, desto weniger Probleme dürftest du mit einer Gesellschaft haben, die derzeit plötzlich zu realisieren beginnt, dass es nicht eine einzige objektive fixe Realität gibt, sondern dass an ihrer statt viele fließende Realitäten existieren. Je näher du der Mitte, dem gewordenen gesellschaftlichen Konsens von Realität, entsprichst, desto beängstigender ist die Welt geworden. Was einer der Gründe für das Wachsen der rechten Bewegungen sein dürfte: Den Realitäten von Minderheiten mehr Raum und mehr Gerechtigkeit zu geben, fühlt sich für sie an, als werde ihnen ihre sichere enge Welt weggenommen. Je granularer unser Blick auf unsere Welt wird, je mehr wir die einzelnen Fragmente wahrnehmen, desto brüchiger scheint derzeit unser gesellschaftlicher Konsens zu werden. Das nur als ein Beispiel, wie Social Media die Welt verändert haben, und wie sie uns eine Menge über soziale Spannungen lehren: darüber wie sich Communities formen, über Machtverhältnisse und noch vieles andere mehr.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich zu vergegenwärtigen, dass Social Media – genauso wie AR (oder Sprache, oder das Datennetz der Smart City, oder soziale Konventionen, usw.usf. – aber das führt hier zu weit) – auch schon eine neue Ebene sind, die unsere Leben erweitert und durchdringt. Geographisch gesehen, ist Social Media eine unsichtbare Ebene – AR macht sie etwas sichtbarer. Und Menschen sind Augentiere. Pokémon Go ist nur ein albernes kleines Spiel, aber mit seinem Schritt, AR als visuelle Ebene über deine physische Umgebung zu legen, hilft es, auf eine lockere spaßige Weise zu begreifen, wie tief digitale Technologie mit unseren Leben verwoben ist. P-Go nimmt uns mit nach draußen, verbindet uns via tatsächlicher öffentlicher Räume, bringt die digital netzwerkende Erfahrung zur Ebene der kollektiven Erfahrung auf der Straße und trifft damit einen Nerv. Wenn wir die Plattformpolitik von Facebook diskutieren, erscheint es vielen Leuten als ein „nimm es wie’s ist oder lass es sein“ Ding, ein vernachlässigbarer theoretischer Disput. Dass Facebook zu verlassen aber bedeuten kann, von einem wichtigen Teil der Vernetzung des sozialen Umfelds und des Arbeitsbereich abgeschnitten zu sein, ist für viel immer noch unbegreiflich. „Es ist doch virtuell!“, ist das Missverständnis. AR in den Fußstapfen von P-Go könnte Diskussionen über soziale Gerechtigkeit auf Online-Plattformen in den urbanen Raum tragen und so die online- und offline Diskussionen verschmelzen. Wenn eine Frau sich beschwert, dass sie etwas nicht öffentlich im Netz schreiben kann ohne dass eine Welle von Beleidigungen und Drohungen folgt, und dass sie sich dadurch in ihrer kommunikativen Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlt, erscheint das vielen banal, theoretisch, virtuell. Wenn sie sagt, oder gar mit einem Video zeigt, dass sie nicht die Straße entlang laufen kann, ohne belästigt zu werden, wird das ernster genommen. Wenn es ein albernes Spiel braucht, um Menschen so zusammenzubringen, dass sie ihre verschiedenen Erfahrungen desselben Raums ein bisschen mehr verstehen, ist das eine gute Sache. Und wenn es Gamern bewusst macht, dass Spiele reale soziale Orte sind, egal ob on- oder offline, dann werde ich mich nicht darüber beschweren. Dieser Gamer sorgt sich in seinem Text über Pokémon Go, weil „wir absolut alles, was in MMOs passiert ist, auch hier zu erwarten haben, weil AR ein MMO“ ist. (MMO = Massively Multiplayer Online Game, ein Onlinespiel das von unzähligen Leuten gespielt werden kann) Ich wünschte, er würde stattdessen oder darüberhinaus sehen, dass a) das Leben ein MMO ist, und b) dass MMOs das Leben sind, denn: soziale Dinge, die in sozialen Räumen von Games passieren, haben Auswirkungen auf *echte* Menschen, nicht nur auf virtuelle Avatare. Aber sein Text zeigt wenigstens wie sehr dieses kleine Spiel einige Menschen inspiriert, darüber nachzugrübeln, wie digitales und nicht-digitales Leben und ineinander verschlungen sind und sich gegenseitig beeinflussen, und was für eine Verantwortung die Unternehmen, die so etwas anbieten, eigentlich haben. Haben sollten. Okay: ignorieren. 😉

 

turn off gps and exif - pokemon - twitter quote

Es gibt auch berechtigte Kritik an Pokémon Go, selbstverständlich gibt es die. P-Go ist ein Paradebeispiel für die Macht und die disruptive Leichtfertigkeit von großen Tech Firmen. Wenn dein Haus ein Pokémon Gym ist, dann hat das Konsequenzen. Sollte es wirklich Pokémon in Auschwitz geben? Sind Stolpersteine okay? Sollten Pokémon bei Begräbinissen erlaubt sein? Sollten Katzen oder Papageien oder andere niedliche Tiere? Und so weiter. Andererseits gibt es auch schon einiges von der üblichen konservativen Kritik, die den unbekümmerten Spaß daran, neue Technologie zu erforschen, gleich kontrollieren und in seine Schranken weisen möchte. Da sieht man diese Pokémon-Spielenden doch glatt auf der Straße voll im Weg rumlaufen, mit ihren Smartphones! Rücksichtslos! Unvernünftig! Und zu was soll das überhaupt gut sein? Zu meiner Zeit, blabla, usw. Wie halt vor Generationen auch über Skateboards und Walkmen gewettert wurde. Anti-sozial, nicht authentisches Erleben, irgendwie auch wieder Narzissmus, und auch sowas wie „Leute haben nicht die Zeit auf Protestmärsche zu gehen, aber sie laufen durch die Straßen um Pokémon Go zu spielen.“ Warum um alles in der Welt wird so etwas verglichen? Das ist doch kein entweder/oder.

Clipboard01

Spielen heißt nicht, sich nie um etwas zu sorgen. Protest bedeutet, sich um etwas zu sorgen, und sich um etwas zu sorgen ist einfach die ergänzende andere Seite von sorglosem Vergnügen. Wie Ted Leo es in einem Song über St. Feliu („Costa Brava“) ausdrückte: Nehm dir eine Auszeit, trink ein bisschen Wein, (spiel Pokémon Go!), und „we’ll forget the fright and remember why we want to be brave and that there’s something to save.“ Der ganze Schrecken muss auch mal kurzzeitig vergessen werden, damit wir wieder wissen, warum wir mutig sein wollen und dass es etwas gibt, was zu retten lohnt. Deswegen lasst euch spielerische kindische alberne Momente nicht verderben. Warum nicht auch die Begeisterung für Pokémon Go. Lasst uns das Vergnügen dran umarmene UND die kritischen Spannungen, was öffentlichem Raum on&offline und Privacy und kommerziellen Druck anbelangt, auf die dieses kleine Spiel uns aufmerksam macht, bis irgendein Profit-Rattata oder -Zubat es uns auf die eine oder andere Weise verderben wird. Und, um nochmal Danah Boyd zu zitieren: „Statt aus Angst zu reagieren, lasst uns einen Schritt zurücktreten und das Nachdenken darüber beginnen, wie wir mehr Gelegenheiten für junge Menschen schaffen können, sich in digital erweiterter (augmented) Weise sinnvoll miteinander zu vernetzen.“ So wie zum Beispiel dieser Artikel Pokémon Go vergnüglich als Zukunft des Lernens weiterspinnt.

staywokemon - twitter quote

Flattr this!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.