Social Photography: Keine Knappheit, keine Gatekeeper

noscarcitynomasters

(this text in english)

Nur ein paar Gedanken. Die NSA hat uns unfreiweillig das Credo unserer Zeit gegeben, den Satz “Collect it all!” Wir knipsen vor uns hin, halten Momente in Bildern fest, speichern zahllose Fotos und Videos auf unseren Festplatten und Smartphones, wir fügen immer mehr zu unseren endlos wachsenden Bilderarchiven auf anderer Leute Festplatten (Clouds und sozialen Plattformen) hinzu. Billige Speichermöglichkeiten, digitale Kameras auf demselben Phone auf dem du auch deine gratis Social Sharing Apps hast, halbwegs erschwingliche mobile Verbindungen in vielen Ländern – das alles hat und verändert immer noch tiefgreifend die kulturelle Bedeutung und Funktion von Photographie. Ein Punkt ist, dass dadurch Dokumentation zuetwas geworden ist, bei dem wir jegliches Gefühl für Knappheit verloren haben. Der Wired Editor Joe Brown plädiert sogar für diesen Ethos: “Ich habe einen Pakt mit mir geschlossen: Ich lösche Fotos nicht mehr. Ich hab mir das iPhone mit der größten Kapazität geholt, meinen Dropbox-Account upgegradet, und jedes Bild hochgeladen, dass ich finden konnte.” Sein Ziel? Eine “ehrliche Aufnahme meines Lebens.” Das einzelne Foto in seiner Funktion als Repräsentant für etwas größeres genügt nicht mehr. Für jemanden wie Joe Brown ist das einzelne Foto wie einer in einer Million Frames, aus denen der Film seines Lebens zusammengesetzt werden könnnte.

ENDLOSES VERLANGEN NACH MENSCHLICHER INTERAKTION BRINGT ENDLOSE ARCHIVE UNSERER LEBEN HERVOR

Ich teile die Ansicht, dass wir uns an der Kippe von Archiven zu Flüchtigkeit befinden, was unsere “sozial” geteilten Medien anbelangt, weil es bei ihnen für viele inzwischen mehr um Kommunikation als um Dokumentation geht. Bei manchen sogar um Teilnahme, nehm nur die #sleepingsquad Kids, die sich einander gegenseitig auf YouNow beim Schlafen livestreamen. Wie so viele andere Besitzer von sozialen Plattformen, die ihre Produkte nicht ganz verstehen, erklärt der YouNow Macher #sleepingsquad mit Internet- und Social Media-Sucht, aber Katie Notopoulos bringt es in ihrem Text über das Phänomen treffend auf den Punkt: “Das schmerzhafte Verlangen mit menschlicher Interaktion durch die Langeweile des Alltags zu schneiden ist die treibende Kraft von allem im Internet.” Oder wie Nathan Jurgenson nicht müde wird zu erklären: Wir sind nicht süchtig nach Smartphones, wir sind süchtig nach einander. Und um ehrlich zu sein, wenn ich heute ein Teenager wäre, würde ich auch 24 Stunden am Tag mit meinen Freund*innen powerlivestreamen. Ich erinnere mich sehr gut darn, wie ich dauernd mit meinen Freund*innen in Kontakt sein wollte. Das alte Klischee der Jugendlichen, die, nachdem sie gerade noch auf ihrem Heimweg von der Schule mit ihren Freund*innen gequatscht haben, als erstes wenn sie heimkommen sich gegenseitig anrufen um weiter zu reden? So war ich, jeden einzelnen Tag.

Aber derzeit sind von den großen öffentlichen sozialen Plattformen nicht mal die, die sich etwas mündlicher anfühlen, wie Twitter zum Beispiel, ephemeral (also: flüchtig, die Nachrichten und Bilder wieder löschend). Derzeit wachsen unsere Archive. Unser endloses Verlangen nach menschlicher Interaktion bringt endlose Archive unserer Leben hervor. Wenn wir uns dauernd dessen bewusst wären, was wir vor Jahren gepostet haben und was online immer noch sichtbar ist, dass es alle finden können, durch Suchfunktion oder imdem sie sich ihren Weg in unsere Vergangenheit infinite-scrollen können – es würde uns verrückt machen und wir hätten sofort das Gefühl das erklären zu müssen, dass wir ganz anders waren, damals. Wir würden einen Kontext geben wollen, unsere Veränderung erkären wollen. Die Faux-Ephemeralität, die Fake-Flüchtigkeit des Timeline Streams auf Social Networks sind ein Mittel, damit uns diese Archive nicht überwältigen. Du postest ein Foto, ein paar Leute reagieren darauf oder nicht, das Foto verschwindet aus deinem Blick, wenn die nächsten Dinge gepostet werden, das Foto ist vergessen. Dein Fokus ist (halbvolles Glas:) die menschlichen Interaktionen, die es erzeugt / (halbleeres Glas:) die metrische Belohnung, die dafür sorgt, dass du mit dem Wunsch nach mehr immer wieder zurückkommst – yeah, 5 neues Likes oder Favs! Dein Fokus wird weggestupst von dem, was du dokumentiert hast, vom Archiv, das du baust. Sogar Fotografie-Plattformen wie Flickr oder Google Photos haven den Infinite-Scroll Stream und immer mehr “social” Elemente (teilen, kommentieren, Liken) gewählt um unsere Inhalte anzuzeigen.

Es gibt da eine Dissonanz: Viel der heutigen Dokumentation von Alltagsleben resultiert aus dem Wunsch nach kurzzeitiger sozialer Interaktion, aber wächst zu riesigen Archiven. Durchsuchbaren Archiven. Archiven, die nicht nur anhand von Tags, die du für deine Bilder ausgewählt hast, etwas finden: “Intelligente”, lernende Suchfunktionen helfen dir auch dabei Bilder durch Gesichtserkennung zu finden. Du kannst nach Fotos von jemandem suchen, indem du ein Bild ihres Gesichts hochlädst. Du kannst “Katze” tippen und wirst Bilder von Katzen gezeigt bekommen. (Okay, und von Dingen die ungefähr katzenförmig sind, denn so gut funktioniert es auch wieder noch nicht. Je mehr Input diese Mechanismen bekommen, desto besser werden sie aber, und wir füttern sie genau so gut wie unsere Katzen.) Sogar Mapping ist möglich: Dieses Suchding soll sogar Orte wiedererkennen, sogar von Bildern, die nicht geo-getagged sind. Diese riesigen Archive von Amateurfotografie sind zu wundervollen und faszinierenden Galerien geworden und eine wichtige Quelle für Fotografie. Sogar wenn sie nicht zum Zweck einer bleibenden Dokumentation unserer Leben gemacht wurden, werden viele dieser Bilder genau dafür verwendet. Und dieses Mosaik von Billionen von Fotos ergibt einen tieferen Eindruck unserer Alltagsleben, als es Straßenfotograf*innen je festhalten könnten.

Wenn Bloggen die Demokratisierung von Veröffentlichung war, hat Social Media uns Säkularisierung gebracht

Als vor Jahren Bloggen zu einem größeren Phänomen wurde, reagierten viele Leute zuerst, als sei es Blasphemie, dass Leute einfach so ihre Meinungen, ihr Wissen oder ihre Alltagserfahrungen veröffentlichten. Sogar letztes Jahr noch bekam ich einen Blogkommentar in Richtung “Was qualifiziert dich denn überhaupt dazu, das zu veröffentlichen?”, ein Versuch meine Stimme abzuwürgen. Als soziale Netzwerke den Mainstream erreichten hörtest du ähnliche Stimmen die Banalität der Inhalte anzukreiden, die Leute teilten: Wie kannst du es wagen, öffentlich so banale Dinge, wie deine Mahlzeit zu dokumentieren? Was hat dein unscharfes Bild von einem Sonnenuntergang, das nicht schon in den exitierenden Millionen von Sonnuntergangsbildern zu sehen wäre? Glaubst du, du wärst so was Besonderes, dass irgendwer dein Selfie sehen wollte? “Banalität” geht aber am Punkt vorbei. Öffentlich Fotos zu posten drehte sich um etwas Neues: Es geht nicht darum, ein Objekt so festzuhalten, dass es für alle dieser Objekte stehen könnte. Es geht nicht darum etwas besonders Wichtiges für die Allgemeinheit und Nachwelt festzuhalten. Es kann auch um all diese Dinge gehen, aber der wichtigste Faktor für die auf sozialen Netzwerken geteilten Fotos ist ihr sozialer Wert. Kommunikation, und oft: Kommunikation von Emotion. Was für die eine Person ein langweiliges Foto einer Mahlzeit ist, kann für eine andere ein liebevoller Blick darein sein, was ein Freund angesichts dessen empfindet. In einem solchen Foto einer frisch zubereiteten Mahlzeit dreht es sich nicht nur um diese, sondern es kommuniziert das glückliche Gefühl darüber, dass die Zubereitung gelungen ist, es ist ein Weg, die Vorfreude aufs Verzehren des Essens zu kommunizieren. #feelings. Eine Lektion, die uns das soziale Netz erteilt hat, ist: Nur weil etwas für dich nicht wichtig ist, bedeutet noch lange nicht, dass es nicht relevant für jemand anders ist, und das aus Gründen, die du nicht kennst.

Wenn Bloggen die Demokratisierung von Veröffentlichung war, hat Social Media uns Säkularisierung gebracht, und Fotos sind ein wichtiges Beispiel dafür. Die Aura der Fotografie ist ganz schön verwuschelt geworden durch ihren starken Gebrauch auf sozialen Plattformen. Die Hierarchie der Gatekeeper, die darüber entschieden, welche Bilder Öffentlichkeit verdienen, welche Bilder von Wert sind, an ihr wurde gerüttelt. Teile der Presse wundern sich immer noch, warum manchmal ein Katzenbild wichtiger ist als ihr gut gemachter aktuellster Beitrag über ernstzunehmende Nachrichten. Andere Teile der Presse und natürlich Marketing profitieren von dem Wissen, das Inhalte, die Gefühle erzeugen, “funktionieren”. Ihre Bilder müssen auf sozialen Plattformen mit den persönlichen Inhalten der Leute konkurrieren, und so zögern sie nicht auszuschlachten, was “funktioniert.” (Ich muss jetzt mal mit diesem Blogpost zu einem Ende kommen, weil mir die “”s ausgehen.) Die Idee, dass nur Bilder die einen objektivierbaren Wert haben veröffentlich werden sollten, ist welk geworden. Die ganze Idee von objektivierbarem Wert ist welk geworden.

Wenn ein professioneller Dokumentator keine ganz besondere Schneeflocke von Künstler mehr ist, weil alle eh alles dokumentieren, wenn wir endlose Archive von aller Fotos haben, die dauernd besser durchsuchbarer werden – driften wir auf ein neues Verständnis von Dokumentation zu? Schwarmdokumentation? Ich frage mich, in welchen Weisen soziale Plattformen noch veröndern, wie wir Fotografie in Dokumentation, und in Kunst, und in Straßenfotografie, die ein bisschen von beidem ist, sehen. ich noch ein paar Tage frei habe, wird es mit diesem wilden Herumtheoretisieren hoffentlich morgen weitergehen. Wenn ich nicht zu verkatert bin. Eine Empfehlung, wenn du heute in Nürnberg weilen solltest: Beat Thang mit DJ Slow als DJ Gast.

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One thought on “Social Photography: Keine Knappheit, keine Gatekeeper

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  • Social photography - the rise of the amateurs: No scarcity, no masters - eve massacre

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