Stefanie Sargnagel oder warum ich wieder das Selberdrehen anfangen würde

Stefanie Sargnagel – Statusmeldungen, Rowohlt 2017
Extra für heute zum Posten aufgehoben weil heute die Lesung bei uns – geht da hin! – in Nürnberg ist *

Ausgerechnet ein Buch von Stefanie Sargnagel als Hardcover mit Stoffeinband in Händen zu halten, sogar mit stabil eingearbeitetem Lesezeichenbändchen – das gibt einer schon zu denken. Ich sähe ja als perfektes Medium jenseits ihres natürlichen Habitats der Social Media Plattform für ihre Statusmeldungen das Zigarettenpapierpäckchen. Obwohl ich einiges von Oscar Wilde auch in Büchern gelesen hatte, blieben mir doch am meisten seine Aphorismen in den Muskotepapers von früher im Kopf. Auch Büchner hab ich brav gelesen, aber zitieren kann ich daraus bis heute bloß “Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.” Was aber auch ein sehr schöner Satz ist. Oder zwei. Den hatte ich feinsäuberlich an der Perforation des Zigarettenpapierpäckchens abgetrennt und an meine Küchenpinnwand gepinnt und natürlich ein Bild von Totenschädeln daneben, dass ich aus einer Zeitschrift rausgerissen hatte, ganz wie es sich für die jugendlich-nihilistische Dramaqueen in mir gehörte. Jahrelang prostete ich diesem Zigarettenpapierchenpackungszitat mit meinem Morgen-Earl Grey zu, bis ich dann irgendwann keine Küchenpinnwand mehr hatte und früh lieber Kaffee trank. Aber das war ja quasi schon eine Musealisierung des Zigarettenpapierchenpackungszitats. Stefanies Statusmeldungen sollten da drauf gedruckt werden, weil sie doch zirkulieren, kommentiert werden, geliked werden müssen. So,

Person 1: Haste mal Papers?
Person 2: Klar, da!
Person 1: Danke. Ach cool, den Sargnagel kannt ich noch gar nicht: “Ich bin so stolz auf dicke Frauen, die sich anziehen wie Huren?” Haha, voll gut.
Person 2: Eh!
Person 3: Ich hab “Ich mochte Flüchtlingshilfe lieber, als sie noch mehr Underground war.”
Person 1 & 2 schütteln lachend und weise den Kopf, “voll wahr!”

Und dann unterhalten sie sich kontrovers über die Themen, die da angerissen werden – “sagt man überhaupt Huren?” oder so – und das Leben und überhaupt. Oder Alleinerauchende fühlen sich weniger allein, wenn sie in Gedanken mit dem Spruch auf dem Paper kommunizieren und verstehend versonnen vor sich hinnicken. Auch lustig: Dass Sargnagel ein ugs. für Zigaretten ist. Auch darüber lässt sich’s beim Zigarettenpapierchenpäckchenherumreichen hervorragend reden. Die Schönheit der Vergänglichkeit, die in so einem Sargnagel-Spruch und in so einer verglühenden Zigarette steckt. Der Ort, die kleine Kommunikationsnische der vor der Tür Rauchenden, so zwischen anwesend und nicht anwesend, zwischen Tür und Angel, wäre schon auch ein guter Ort für Stefanies Statusmeldungen. So Kunst im Alltag wär das ja auch. Und manche würden anfangen, die Zigarettenpapierchenpäckchen zu sammeln und zu tauschen. Kleine Kinder würden das Rauchen anfangen. So viel Anfang wäre nie gewesen.
Aber hier hab ich nun Stefanie Sargnagels Statusmeldungen zwischen diese zwei Buchdeckel gepresst wie Leute früher Kleeblätter oder Blumen gepresst haben und das Lesezeichenbändchen sorgt dafür, dass du dich nicht verläufst, raus mit den Texten aus dem natürlichen aber halt nicht verwertbaren Habitat und rein damit in den Zoo, aber bitte nicht brav werden, Stefanie, darum sorgen sich schon die Rezensent*innen in SZ und VICE. Ich wäre zwar wirklich dafür, dass Stefanie ihre eigene Zigarettenpapierchenmarke ‘Sargnagel’ entwirft – bitte, dann würde ich sofort/endlich den Umstieg auf’s Selberdrehen hinkriegen! -, aber je länger ich in dem Buch herumlese, in dem es sich hervorragend verlaufen lässt (ich empfehle, immer extra da zu lesen, wo das Lesezeichenbändchen gerade nicht ist), desto mehr muss ich sagen, die Buchform passt schon auch ganz hervorragend. Sich unter der Bettdecke zusammenzurollen und vor der Welt zu verstecken, wenn sie mal wieder zu arg ist, und dann Sätze zu lesen wie “Bis auf die täglichen Suizidgedanken bin ich ein sehr glücklicher Mensch” oder “Ich hab die Fernbedienung vom Hotel eingesteck, weil ich mein Smartphone so vermisse” oder “Marokko ist eh das ohne Daesh, oder?” oder “Froschfotzengelee. Lol.” und schon fühlst du dich ähnlich gut aufgehoben wie es diese Texte schon auch zwischen Buchdeckeln sind. Ihre Mischung aus Provokation, Kritik, melancholischem Zynismus, und Absurdität und Alltäglichem, und absurdem Alltäglichem ist einfach immer wieder trocken auf den (wunden) Punkt geschrieben. Unschlagbar. Kauft dieses Buch, es ist und tut gut. <3

 

*) Natürlich nicht. In Wahrheit wie immer viel zu spät dran und heute gerade noch fertiggetippt.

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17 comments on “Stefanie Sargnagel oder warum ich wieder das Selberdrehen anfangen würde

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