Wilde Plakate

btwwildplakat

Die Stadt Nürnberg geht seit kurzem massiv gegen freies Plakatieren vor. Das halte ich angesichts des Mangels an Alternativen für kleine non-profit Veranstalter*innen nicht nur für unverhältnismäßig, sondern für blanken Hohn.

Als es vor ein paar Jahren darum ging, ob es Sinn mache, es Hamburg gleichzutun, und sich zu einer Gruppe von Konzertveranstalter*innen zusammenzutun, um seine Kräfte für Anliegen gegenüber der Stadt besser bündeln zu können, ging es erst mal drum, was es denn eigentlich für Anliegen gäbe. Als Veranstalterin in einem freien non-profit Kollektiv in Nürnberg, dem Musikverein, war eines der ersten, die mir einfielen: Von der Stadt zentrale kostenlose Plakatierflächen zu fordern.

Ich weiß nicht mehr, wie lange es her ist, aber ich erinnere mich noch an Zeiten, in denen in Nürnberg noch nicht alle Werbeflächen privatisiert oder unter städtischer Hand verkauft wurden. Als auch noch kulturell, sozial oder politisch engagierte Bürger*innen ihre Poster und Flyer an öffentliche Werbeflächen mitten in der Stadt hängen konnten und das war ganz schön interessant und großartig. Heute ist diese freie Kultur aus dem Nürnberger Stadtzentrum so gut wie komplett bereinigt: Dort ist nur noch Platz für die, die Geld haben, sprich Werbung für kommerzielle Massenkultur und -produkte. Der Rest ist im öffentlichen Raum unsichtbar.

Als wir das letzte Mal vor vielen Jahren für ein Konzert im Festsaal über offizielle Wege Plakatfläche buchten, kostete das bereits über 600€ für 100 DIN A1 Poster, die eine Woche lang hängen. Kleiner dürfen sie auch nicht sein. Das haben wir seitdem nicht mehr gemacht, weil wir es uns einfach nicht leisten können. Wenn ihr unsere Konzerte kennt, wisst ihr, dass wir meist so zwischen 7-10€ verlangen, wenn dann mal an einem Abend 50 Gäste da sind, heißt das, es kommen an der Tür ca. 400-500€ rein. Das reicht nicht mal für angemessene Band- und Technikerbezahlung. Von der Pacht und den Nebenkosten, die wir zahlen müssen, mal ganz abgesehen, um nur ein paar der Kosten zu erwähnen, die auch bei einem ehrenamtlich veranstalteten Konzert so anfallen.

Da es den meisten so geht, wird in Nürnberg in erster Linie in Konzertlocations selbst, in Kneipen und wenigen Geschäften plakatiert, die das erlauben – man unterstützt sich gegenseitig. Poster und Flyer drücken ja auch eine Zugehörigkeit der Kneipe oder des Geschäftes zu einer bestimmten Kulturszene aus. Sogenanntes Wildplakatieren ist in Nürnberg nicht nur verboten, sondern die Veranstalter*innen haften in jedem Fall, wenn ein Plakat, Flyer oder Aufkleber von einer ihrer Veranstaltungen an nicht dafür vorgesehenen bezahlten Werbeflächen im Stadtbild auftaucht – egal ob sie das selbst verteilt haben, oder es Fans der Bands oder DJs waren. Es gilt nicht einmal, wenn Ladenbesitzer*innen es ausdrücklich erlauben, dass an ihrer Hauswand etwas aufgehängt wird: Die Polizei ist in letzter Zeit massiv unterwegs und haut Anzeigen gegen alle möglichen kleinen Veranstaltergruppen raus.

Grund ist anscheinend, dass es der Stadt zu viel Guerrilla Marketing auch von größeren kommerziellen Firmen und Clubs gibt. Genaues weiß ich nicht. Wäre interessant zu erfahren, aber die Zeitungen in Nürnberg geben ja traditionell nur das weiter, was ihnen von Polizei und Stadtverwaltung vorgekaut wird oder als ein Mainstreamanliegen erscheint, so dass hier wohl auch keine kritische Berichterstattung zu erwarten ist. Oder?!

Die Stadtverwaltung muss hier in aller Deutlichkeit für ihre Unverhältnismäßigkeit kritisiert werden. Sie hat das komplette Stadtbild mit überteuerten Werbeflächen zugeballert, ohne dass die Bürger*innen sich gegen diese Inanspruchnahme des öffentlichen Raums, ihres öffentlichen Raums, wehren können. (Bis wir uns einmal Ad-Blocker für IRL-Werbung als App auf unsere AR-Brillen laden können, würde sich eigentlich durchaus auch mal ein Protest gegen die Durchkommerzialisierung des Öffentlichen Raums lohnen.)

Nachdem denen, die sich – oft in ihrer Freizeit – für ihre Art von Kultur engagieren, und die keine andere Möglichkeit mehr haben, als hin und wieder auch wild zu plakatieren, weil die Stadt alles andere unerschwinglich und damit schlicht unmöglich gemacht hat, ist es doch wirklich blanker Hohn sie jetzt dafür auch noch anzuzeigen. In welche Nischen sollen wir uns denn noch zurückziehen, in dieser Stadt, die alle Kreativität, die sich nicht unter die städtische Fuchtel bringen lassen will, und sich nicht für’s Stadtimage vermarkten lässt, mal mehr, mal weniger subtil auszumerzen versucht? Wer hier Freiheit will, kann sich ja bei der Blauen Nacht anstellen. Aber bitte innerhalb der dafür vorgesehenen Markierungen.

Davon abgesehen ist es auch doch ganz schön ignorant und kleinstädtisch gedacht, die ganzen liebevoll gestalteten Poster- und Flyer in ihrer gestalterischen Vielfalt nur als (unerwünschte) Werbung, und nicht (auch) als Ausdruck eines Zeit- und Gesellschaftsbildes in urbaner Kreativität zu schätzen. Aber es wird wohl immer Leute geben, die das erst 20 Jahre später anerkennen können, wenn sie sich dieselben Poster und Flyer dann im Museum oder in einem Fotoband angucken können, und denen lebendige Undergroundkultur ein Dorn im Auge ist.

Der Zusammenschluss von Konzertveranstalter*innen in Nürnberg, den ich eingangs erwähnte, ist nun längst gegründet: Er heißt Kulturliga und tümpelt so vor sich hin. Wir (musikverein) waren auch eine Weile dabei, aber sind wieder ausgetreten, weil uns da zu lange zu wenig geschah und wir neben all dem, was wir tun, einfach nicht die Zeit haben, uns jenseits konkreter Anliegen mit noch einem Verein zu beschäftigen. Und weil vielleicht auch einfach zu wenig Gemeinsamkeiten da waren. Was sich für mich z.B. an der Idee der Forderung nach kostenlosen Plakatflächen für nicht-kommerzielle kleine Veranstaltergruppen zeigte: Statt einer Umsetzung dieser gibt’s jetzt ein monatliches gemeinsames Übersichtsposter von Mitgliedern der Kulturliga. Das ist leider so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich mir darunter vorgestellt hatte: mehr corporate branding der Kulturliga statt Hilfe für den ganzen kulturell engagierten Underground dieser Stadt.

Nichtsdestotrotz hoffe ich, dass die Kulturliga ihre Relevanz nun beweist, und es als ihren ersten großen Auftrag annimmt, jetzt engagiert gegen das völlig unverhältnismäßige Vorgehen der Stadt gegen freie Plakatiererei anzutreten und endlich kostenlose Werbeflächen im zentralen öffentlichen Raum für non-profit Kultur zu fordern!

Flattr this!

One thought on “Wilde Plakate

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.