Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Der Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Der @horse_ebook Tweet, den ich zum Jahresanfang zitiert habe, ist immer noch treffend: “Everything happens so much.” Seit 12. März 2020 bin ich nun schon in halbfreiwilliger Corona-Isolation. Ich gehöre zur Risikogruppe, und das lässt mich vorsichtiger sein, als ich es von mir gedacht hätte. Bis auf gelegentliche kleine Fahrradausflüge, Spaziergänge und ein Mal die Woche Einkaufen bin ich zu Hause. Diese Zeit hat mir die ganzen Relationen rund um physische und psychische Anwesenheit und Nähe durcheinandergewirbelt.

Mein Bedarf an sozialen Momenten, ist mir so viel bewusster geworden. Es ist unglaublich, zu spüren, wie ein simpler Videochat mit Freund*innen sich positiv auf meine Stimmung auswirken kann, auch wenn ich es mit Home Office und alleine Wohnen eigentlich gewohnt bin, mich nicht dauernd mit jemandem zu treffen, sondern schon immer im Alltag auch meine isolierten Tage genossen habe. Aber das lag auch daran, dass ich sonst auch oft sehr viel unter sehr vielen Menschen bin durch das Veranstalterinnen-Dasein, und einen großen Bekanntenkreis habe. Nach Abenden mit vielen Begegnungen tat mir immer danach eine Dosis Alleinsein gut, so wie nach Nächten mit lauter Musik die Stille. Und der Kontakt über Messages oder Social Media begleitet mich ja eh 24/7.

Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt

Derzeit fehlt dieser Gegenpol – also: unter vielen Menschen, die ich mag, zu sein, – und ich merke sehr: Fuck, auch ich kann mich ganz schön alleine fühlen, haltlos. Dazu trägt auch die Unbefristetheit dieses Zustands bei. Ich glaube nicht daran, dass wir in diesem Jahr noch Konzerte und Parties veranstalten werden können. Ich weiß nicht, wie mich diese Zeit verändern wird. Jetzt gerade merke ich, dass so langsam FOMO aufkommt, die Angst etwas zu verpassen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, da die Lockerungen in vielen Bereichen da sind, aber ich immer noch Öffentlichkeit meide, denn ich weiß, dass so bald ich wieder unter Menschen bin, die ich mag, werde ich unvorsichtig und die ganzen Sicherheitsregeln einzuhalten, wird mir verdammt schwer fallen, und ich will mich dem Risiko nicht aussetzen. Mein einziger richtige Krankenhausaufenthalt bis jetzt ist mir immer noch in zu übler Erinnerung.

Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist.

Diese zwei Monate sind unglaublich schnell und langsam zugleich verstrichen. Ich ärgere mich, dass ich nicht gleich zu schreiben begann, weil ich die Hälfte von dem, was mir durch den Kopf ging, was ich gelernt habe, oder was ich empfunden habe, schon wieder entglitten ist, und ich jetzt schon merke, dass ich das gerne, so tagebuchmäßig, noch mal lesen würde. Wie und was sich von Woche zu Woche veränderte. Ich habe so viel gelernt in dieser Zeit. Durch Gelesenes, durch Vorträge und Diskussionen, die ich mir gestreamt habe, durch Menschen, denen ich auf Social Media folge. Viel aber auch darüber, was mir an der Musikkultur, in der ich mich engagiere, die ich veranstalte, wichtig ist. Die Rolle, die Körperlichkeit und Soziales in meinem Erleben von Musik spielen: Sie bilden den Kontext, der mir abhanden gekommen ist. Dass es Menschen dazu bringt, sich zu begegnen, sich nahezukommen, und was das in Einklang mit der Musik mit uns macht. Das war mir vorher nur vage bewusst, vor allem das mit der Körperlichkeit, weil es einfach da war, wie die Luft im Raum. so selbstverständlich, dass es keinen Gedanken wert war. Ich bin kein superkörperlicher Mensch, einerseits zumindest. Aber jetzt merke ich in meinen Erinnerungen und meinem Vermissen eine Sensibilisierung darauf. Die Berührungen beim sich Durchschieben durch einen vollen Raum, voller Musik, voller Menschen, zur Theke, zur Bühne, zur Tanzfläche, zu Zigarette und Gespräch vor der Tür.

Laute Musik zu spüren.

Es feht mir, laute Musik zu spüren. Die Bassfrequenzen beim Dubstep – was hab ich in letzter Zeit an die frühen SUB:CITY Parties oder Shackleton im Zentralcafé gedacht! Das Vibrieren der Luft, das Mitbeben meines Körpers bei extremen Konzerten wie denen von Lightning Bolt oder Sunn o))). Wie mir die Musik die Lungenflügel zuzudrücken schien bei einer frühen Ministry Show. Und – um hier nicht zu pathetisch zu werden: das verdammte alberne supernervige Kitzeln in der Nase bei bestimmten Bassfrequenzen. Krasse brutale akustische Attacken wie Konzerten von The Locust oder An Albatross, die zu kathartischen Momenten führten, bei denen mir plötzlich mittendrin ganz leicht ums Herz wurde. Als könnte ich das erste Mal seit Langem wieder frei durchatmen.

Körper zu Musik zu spüren.

Es fehlt mir, Körper zu Musik zu spüren. Nicht sexuell, oder vielleicht manchmal schon auch, aber überhaupt nicht auf einen sexuellen Akt gerichtet, sondern höchstens in der Flüchtigkeit eines vorbeischwirrenden Gefühls genossen. Das Umherschubsen und Drängen im Pit bei Punkkonzerten, die verschwitzte freundschaftlich-aggressive Körperlichkeit, wo auch Schmerz okay war. Frühe Against Me! oder World Inferno Friendship Society Konzerte. Das exzessive Moment davon, und von so vielen Partynächten ist ohne physische Nähe nicht zu haben. Vom Tanzen bis zum leichten Berühren, wenn du jemanden im lauten Raum ins Ohr sprichst, und nicht zu vergessen die ganzen Umarmungen und Küsschen. Der Virus macht mir jede Berührung bewusst.

Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

Das ist es, was mir gerade auch das Herz schwer macht, wenn es darum geht, wie wir uns Veranstaltungen vorstellen könnten, wenn es denn dann irgendwann um Öffnungen der Clubs gehen wird. Ich merke, dass ich da keine Freundin von Kompromissen bin. Vorsicht und Sicherheit und andauernd reflektierte Distanz soll nicht zum Wesen der Kultur werden, die ich machen will. Bestuhlte, ruhige Konzerte waren noch nie so mein Ding, auch wenn ich auch da schon schöne erlebt habe. DJ Livestreams scheinen mir gerade auch in erster Linie zu zeigen, was fehlt, wie gesagt: ihr Kontext. Wir DJs und Musiker*innen sind bei live Veranstaltungen nichts ohne das körperlich anwesende Publikum, das tanzt, Raum hat sich gehen zu lassen, enthemmt ist, socialized, sich nahe kommt, uns liebt, uns hasst, und nur zusammen sind wir die crazy vielköpfige, vielkörprige Kultur, die wir jetzt so vermissen. Musik in Clubs, ob Konzert oder Parties, lebt davon, dass sie Menschen zusammenbringt, ein Petridish voller Möglichkeiten ist, aber deswegen eben auch ein Hotbed für virale Ansteckung. Bestuhlte Kultur, bei der sich Menschen besser voneinander trennen lassen, und Kultur, bei der freie Bewegung und unvorhersehbare Begegnungen und Berührungen zwischen Menschen ein Teil des Kulturerlebnisses sind – das wird wohl die nächste Kluft bei Öffnungen in dieser Ecke der Gesellschaft werden.

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