Es gab nie einen Cyberspace – mein SPIEGEL Interview zu digitaler Kommunikation, Information und Vernetzung

Ich wurde vor kurzem von Susanne Weingarten für DER SPIEGEL Wissen zu allem möglichem rund um digitalisierte Kommunikation, Information und Vernetzung interviewt. Danke auch an Florian Generotzky, der mir für eine Fotosession im K4 vorbeigeschickt wurde. Macht meinereiner ja auch nicht alle Tage. 🙂

Hier blogge ich euch die ungekürzten Antworten.

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Eve Massacre, wie lange bloggen sie schon? Mit welchen Erwartungen haben Sie damals angefangen? Und haben sich diese erfüllt?

Ich habe Mitte der Nuller zu bloggen begonnen. Mein Blog war für mich sowas wie meine Schnittstelle im Netz: Onlinetagebuch, lautes Denken, meine Musik, Links zu anderen Blogs, die mir wichtig schienen – Passion, Information, Diskussion, Community Media. Mit losen Gedankenenden, die jemand anders aufnehmen kann. Letztlich eine logische Fortführung von dem, was ich offline stets an Fanzinekultur geschätzt hatte. Mir ging es dabei nie um möglichst große Reichweite und finanzielles Interesse, sondern darum, den öffentlichen Diskurs um eine Stimme vielfältiger zu machen. Meine Erwartungen in Sachen Vernetzung hat meine Art zu bloggen eigentlich immer gut erfüllt. Die Welle der Kommerzialisierung von Bloggen, habe ich stets als befremdlich empfunden, da es da meist mehr um Optimierung als um Inhalte ging.

Welche Bedeutung hat das Bloggen heute für Sie?

Leider ist viel von dem, was ich an Blogs schätzte, vor allem die dezentrale gegenseitige Vernetzung und Diskussion inzwischen an Facebook gewichen, aber das Bloggen ist nach wie vor für mich eine wichtige Art, meine Gedanken zu einem Thema oder einem Zeitpunkt oder zu einer Geschichte zu sammeln, zu fokussieren und sie so mit anderen zu teilen.

Wie hat sich Ihr Leben durch Ihre Präsenz im Netz verändert?

Meine Präsenz im Netz hat für mich schon immer eine grundlegende Erweiterung meiner Möglichkeiten, meines Horizonts und meiner ganzen Identität bedeutet. Die Möglichkeit, sich über geographische Grenzen hinweg mit Menschen, die ähnliche Interessen haben, lose zu vernetzen, seinen Blick auf die Welt in Form von Fotos oder getippten Gedanken mit anderen schnell teilen zu können, und auch der granulare Blick auf die Gesellschaft, also dass eine unglaubliche Vielfalt an Stimmen hörbar geworden ist – das hat eine ganz neue Art zu Denken und der Identitätsstiftung mit sich gebracht. Das geographische Umfeld verliert an prägender Bedeutung, du bist weniger in deine Umgebung geworfen.

Viele Menschen unterscheiden zwischen ihrem „echten“, sprich analogen Leben einerseits und ihren Aktivitäten online, etwa Facebook, auf der anderen Seite. Halten Sie das für sinnvoll und richtig?

Im Gegenteil, ich halte das für ein grundlegend falsches Verständnis, aus dem viele Probleme entstanden sind. Dadurch dass jahrzehntelang vom Cyberspace geredet wurde, hat sich in vielen Köpfen ein Bild gefestigt, dass es ein virtueller Ort sei, an dem du dich der eigentlichen Realität entziehst. Von dieser Wildwestfantasie profitieren heute noch die meisten großen Digitalplattformen, seien es Facebook und Twitter, oder AirBnB und Uber: als ob dort ein neues “Gebiet” in Beschlag genommen würde, in dem sich erst mal der Gesetzgebung und Arbeitsrecht der Offlinewelt entzogen werden kann. Dass das so gut funktioniert schiebe ich zu einem großen Teil auf dieses falsche Denken in analoge vs virtuelle Welt. Online und offline sind zutiefst ineinander verwoben, und das zieht sich bis in unser Denken. Die Möglichkeiten der digitalen Revolution sind auch in unserem Kopf, wenn wir offline sind. Das ist nicht mehr zu trennen.

Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter wurden anfangs bejubelt als Foren, in denen alle gleichermaßen Gehör finden können. Wo sehen Sie die größten gesellschaftlichen Chancen und Möglichkeiten von sozialen Medien? Wo die größten Risiken?

Die positiven und negativen Möglichkeiten liegen oft in denselben verstärkenden Mechanismen: Facebook bietet inzwischen großartige Möglichkeiten, sich in privaten Groups zu organisieren. Das kann für schnelle unbürokratische Flüchtlingshilfe genauso nützlich sein wie für den Hassmob der vorm Flüchtlingsheim steht. Facebook bietet Medien die Möglichkeit, ihren Journalismus gezielter an die Menschen zu bringen, gräbt ihm aber gleichzeitig die Existenzgrundlage (z.B. direkte Kundenbindung und Werbefinanzierung) ab, ohne jegliche redaktionelle Verantwortung zu übernehmen. Twitter-Hashtags ermöglichen die Sichtbarmachung eines Randgruppenproblems, aber sie vereinfachen es auch Rassist*innen und Sexist*innen ihre Opfer zu finden.

Ich sehe nach wie vor eine wichtige Rolle von sozialen Plattformen in ihrer verstärkenden Funktion, allerdings nicht unkritisch, da es keine neutralen Plattformen sind. Die gefilterte Timeline, die eigenen Hausregeln (z.B. Realnamenpflicht auf Facebook), schlechte Umsetzung von Communitystandards, die Gamifizierung von Sozialem – das alles halte ich für durchaus problematisch, wenn eine Plattform wie Facebook eine so zentrale monopolistische Rolle spielt. Wenn früher ein Messageboard seine eigenen Regeln gemacht hat, hatte ich kein Problem mit der Haltung “wenn’s dir nicht passt, dann geh halt”. Facebook ist inzwischen gesellschaftlich an einem Punkt, dass es viele sich beruflich und sozial und vom Informationszugang her nicht mehr so einfach erlauben können, dort nicht präsent zu sein. Dazu kommt wie bereits erwähnt, dass uns digitale Plattformen auch prägen, wenn wir sie nicht benutzen. Zum Beispiel, dass manche ihre Erfahrungen schon ganz automatisch danach scannen, ob etwas dabei ist, was sich zu posten lohnt. Nathan Jurgenson hat das mit dem Bild vom “camera eye” erklärt: Eine Fotografin sieht auch, wenn sie gerade keine Kamera dabei hat, ihre Umgebung in möglichen Bildausschnitten und hat ein geschärftes Auge für Lichteinfall. Ähnlich prägt uns die Nutzung von anderen Technologien, und nichts anderes ist so eine Social Media Plattform ja.

Wenn Facebook nur in Form eines sozialen Netzwerks so eine zentrale Rolle spielen würde, hätte ich weniger Bauchgrummeln dabei, aber wenn eine so intransparent fungierende Plattform auch noch der zentrale Punkt ist, über den viele Menschen Zugang zu Journalismus und zu Informationen von staatlichen Organisationen usw. bekommen, dann finde ich es gefährlich. Facebook strukturiert was Menschen zu sehen bekommen, indem es die Timeline filtert – darin liegt eine Macht, die ich in so intransparenter Form kritisch sehe. Facebook hält dabei ein Image als neutrale humanistische Plattform hoch, die sich durch ein Totalversagen in der Praxis der Durchsetzung von Community Standards ad absurdum führt. Wer Geld hat, kann dafür zahlen, dass seine Nachrichten in der Timeline anderer zu sehen sind. ich hatte da schon alles mögliche von Werbung für ein Neonazi-T-Shirt bis zur Todesdrohung an Frauen, die keine Schleier tragen. Kritische Seiten werden regelmäßig offline genommen, weil die Verantwortlichen bei Facebook nicht unterscheiden, ob eine Seite kritisch über Rassismus und Antisemitismus berichtet oder Propaganda dafür macht. Die ganze Struktur ist auf Belohnung aufgebaut, schürt damit eine bestimmte Art von Postings und beeinflusst so das Kommunikationsverhalten.

Hier sind einfach so viele Beeinflussungen und Filterungen der Weltwahrnehmung gegeben, die nicht einfach so in der Hand eines Unternehmens liegen sollten. Wenn es jetzt 20, 30 verschiedene Netzwerke wären, die Menschen nutzen würden, fände ich das weniger besorgniserregend.

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Durch das Internet fallen zunehmend die klassischen „Gatekeepers“ weg, also Institutionen wie die Presse, die traditionell den Zugang zu Informationen und Meinungen reguliert haben. Halten Sie dies für einen Zugewinn an Basisdemokratie? Oder für eine Gefahr, wenn man sich etwa davon abhängig macht, welche Informationen Facebook mit seinen Algorithmen bevorzugt oder unterdrückt?

Das ist für mich kein Entweder/Oder. Ich halte das Wegfallen klassischer Gatekeepers für eine gute Sache, gerade weil wir keine sehr diverse Zusammensetzung unter den dort Journalismus Betreibenden haben, noch nicht mal geographisch gesehen. Ich bin davon überzeugt, dass ohne Blogs und Social Media in den klassischen großen Medien heute noch nicht mal das – immer noch magere – Level an Diversity zu finden wäre, wenn nicht eine Vielfalt von Randgruppen-Stimmen im Netz es geschafft hätte, sich Gehör zu verschaffen. Diese Pluralität der Stimmen, die mit Blogs in der öffentlichen Wahrnehmung gewachsen ist, halte ich für sehr wichtig. Dass sie über soziale Plattformen noch verstärkt wurde, sehe ich auch erst mal positiv, auch wenn sie viele verunsichert, die ihre engere sichere konservative Weltsicht erschüttert sehen. Dass Facebook – als *die* soziale Plattform hierzulande strukturell gleichzeitig keine konsensformende Diskussionskultur begünstigt, sehe ich wiederum kritisch. Es wird gern verkannt, dass wir in Form von Facebook einen größeren Gatekeeper denn je haben – es ist keine neutrale Plattform, sondern hat ganz eigene Regeln unter denen manches verstärkt, anderes unsichtbar gemacht wird.

Und das halte ich für ein Problem: Wie bei jedem Gatekeeper wird einfach vieles unsichtbar gemacht. Dass Inhalte von neuen Gatekeepers, nämlich Google als Suchmaschine und Facebook als Social Media Plattform gefiltert werden aber sie sich gleichzeitig als neutral darstellen, ist ein Problem. Der höhere Platz auf der Wahrscheinlichkeitsliste, dass du Usern gezeigt wirst, kann sich erkauft und ergamet werden. Mit ergamet meine ich: Viral Content, SEO-Optimierung, mehr Fokus auf Form als auf Inhalt und Gehalt. Die Art von emotionalisierter Zuspitzung, die inzwischen viel im Journalismus verwendet wird, um ihre Artikel viral erfolgreich zu machen, landet zwischen den sozialen privaten Nachrichten und prägt damit auch die Emotionalisierung der privateren Postings, prägt ein Kommunikationsverhalten. Dass dementsprechend Kommentare oft genauso polemisch ausfallen wie die Anreiz-Überschriften hat miteinander zu tun. Mein Problem ist also nicht, dass alte Gatekeeper wegfallen, sondern dass sich die neuen Gatekeeper keiner editiorialen Verwantwortlichkeit stellen geschweige denn transparent vorgehen. Behauptete Neutralität ist immer gefährlich.

In den Anfängen des Internets gab es die Hoffnung auf einen „freien“ virtuellen Raum ohne Hierarchien, Diskriminierung und Hass. Stattdessen berichten heute viele Frauen, die twittern, bloggen oder in den digitalen Medien arbeiten, von drastischer Frauenfeindlichkeit, Belästigungen, Drohungen und Hacker-Attacken. Wie erleben Sie die Situation?

Das Internet war nie ein virtueller Raum. Es ist eine Technologie, in die alle Vorurteile und Weltbilder derjenigen, die sie bauen, miteinfließen. Da so gut wie alle Plattformen im Internet von der dominanten Gruppe unserer Gesellschaft geschaffen wurden, haben diejenigen, die nicht dazu gehören, unter dem zu leiden, was in der Struktur dieser Plattformen nicht berücksichtigt wurde. Dazu gehören zum Beispiel gute Möglichkeiten, sich gegen Hasskommentare zu wehren. Facebook könnte es ja einfach ermöglichen, dass die Kommentarfunktion abgeschaltet werden kann.

Dass die Kommunikation früher weniger hasserfüllt war, halte ich für ein Gerücht, nur sind heute wesentlich mehr Menschen online und die Plattformen sind wesentlich zentralisierter. Wenn ich früher ein Messageboard besuchte und sah, das dort ein frauenfeindlicher Spruch nach dem anderen gepostet wird, dann habe ich es einfach nicht genutzt. Facebook oder Twitter dagegen haben für viele Betroffene eine zu zentrale soziale, informationelle und berufliche Rolle, als dass sie es sich einfach so erlauben könnten, es nicht mehr zu benutzen.

Darüberhinaus sind es wie bereits erwähnt oft diesselben strukturellen Möglichkeiten, die eine große Reichweite ermöglichen, die Menschen auch leichter zum Opfer werden lassen können. Und es sind ja auch oft die prominenteren User*innen am meisten betroffen, und Reichweite heißt, so wie die Plattformen gebaut sind: Sie können genauso eine Flut von Hasskommentaren abbekommen wie sie eine Flut von Rückhalt und positiven Kommentaren bekommen. Wenn möglichst große Reichweite zum Businessmodell gehört, werde ich keine gute Regulierung von Hasskommentaren bekommen. Weder Facebook oder Twitter noch die Kommentarsektionen von Newsmedien wollen in die Moderation oder anderweitige Regulierung von Trollkommentaren viel investieren und konsequent agieren, da sie ja von der Masse der Klicks profitieren. Sie könnten ja auch Kommentare nur freischalten, wenn sie inhaltlich etwas beitragen. Meines Erachtens sollten Kommentarbereiche nur geschalten werden, wenn sie auch mit editorialem Verantwortungsbewusstsein moderiert werden und tatsächlich Interesse an einer Diskussion mit dem Publikum da ist.

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Verlockt die Anonymität des Internets zu einer Enthemmung in Sachen Frauenhass oder auch Rassismus, wie sie in der analogen Welt nicht gewagt und auch sozial nicht geduldet würde?

Auf keinen Fall. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass Anonymität nichts damit zu tun hat, sondern dass gerade die, die besonders hinter ihrer Haltung stehen, extra unter Realnamen posten, um ihrer Meinung Gewicht zu verleihen. Umgekehrt ermöglicht die Verwendung von Fake-Namen es auch Menschen, die sonst Angst haben müssten, sich öffentlich zu äußern, weil sie sexistische, homo/transphobe oder rassistische Übergriffe fürchten müssen. Deswegen gibt es ja auch soviel Kritik an der Realnamen-Politik von Facebook. Letztlich stärkt Realnamenpolitik nur die, die in einer Gesellschaft eh schon die stärksten Positionen einnehmen – mich erinnert das immer etwas an die “wer nichts zu verbergen hat, braucht auch Überwachung nicht zu fürchten”-Haltung. Jeder Mensch hat etwas zu befürchten, und je weiter ich dem Mainstream entfernt bin, “anders” bin, desto angreifbarer bin ich. Nicht umsonst sind es Netzwerke wie Twitter und Tumblr, die keine Realnamenpflicht haben, auf denen Randgruppen sich lange Zeit am stärksten vernetzt haben, und auf denen sich zum Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit vernetzt wird.

Ich sehe verschiedene Wurzeln für das Problem des enthemmten Hasses im Netz.

Eine tiefsitzende Wurzel ist die Erziehung zum digitalen Dualismus, wie es Nathan Jurgenson genannt hat, also: zu einem Denken, das zwischen vermeintlich realem Leben und virtuellem Onlineleben trennt. Dadurch ist über Jahrzehnte hinweg die Idee genährt worden, dass alles was online gepostet wird nicht “real” sei. Das rächt sich nun bitterlich. Es gibt schlicht und einfach auch hierzulande weitverbreiteten Alltagsrassismus, -homo&transphobie und -misogynie. Die Hasskommentare im Netz kommen uns geballter vor, weil sie dort nachlesbar, sammelbar und damit sichtbarer sind, während verbale Hasskommentare im Alltag in tausende kleiner Einzelerfahrungen fragmentiert sind, die meist keine gemeinsame Stimme und damit keine breite Öffentlichkeit finden.

Dazu kommt, dass sich im öffentlichen Raum ein gesellschaftlicher Konsens bildet, was laut aussprechbar ist, und wofür ich von meinem Umfeld Sanktionen zu erwarten habe. Und hier besteht einfach eine Kluft, was wir willens sind unwidersprochen zu lassen, wenn es jemand z.B. in der U-Bahn sagt, und dem, wo wir auf Facebook weggucken. Wie gesagt: die Wurzel sehe ich darin, dass so lange das Internet als nicht-real behandelt wurde. Online wird so bis heute von vielen ein falsches Credo von Meinungsfreiheit hochgehalten: falsch, weil dabei die Idee der Meinungsfreiheit instrumentalisiert wird, um gegen Schwächere hetzen zu können, die ja eigentlich durch die Idee der Meinungsfreiheit gestärkt werden sollten.

Was die starke Emotionalisierung in den Kommentaren anbetrifft, tragen Medien durchaus eine Mitschuld. Die hasserfüllten Polemiken diverser weißer älterer rechtskonservativer Herren des Zeitungsfeuilletons bringen viel Leserschaft und Echo, weil darüber diskutiert wird. Emotionalisierende Schlagzeilen und Bildauswahl werden genutzt, um Artikel auf Social Media möglichst weitverbreitet zu bekommen. Damit lassen sich Medien auf die Schwachstellen, mit denen eine Plattform wie Facebook gebaut ist, ein, schüren damit aber auch einen Umgangston, über den sie sich dann selbst ärgern, wenn sie ihn aus den Kommentaren zurück um die Ohren bekommen. Ebenso ist eine Plattform wie Facebook mitschuld, wenn sie denen Gehör verschafft, die am lautesten und emotionalisierendsten schreien.

Haben Sie schon einmal die Behörden eingeschaltet, weil Sie attackiert wurden? Wenn ja, was war Ihre Erfahrung?

Nein, ich selbst nicht.

Frauen im Netz wird oft geraten, die sie beleidigenden oder bedrohenden Trolle nicht zu „füttern“, sondern zu ignorieren – halten Sie das für die richtige Strategie?

Ja, schon allein, weil du niemandem die Zeit und Mühe schuldest. Ignorieren, blocken, keine Zeit schenken. Das ist die Taktik, mit der ich am besten fahre – die mir auch zu einem dickeren Fell verholfen hat. Musste ich aber auch erst lernen. Mit klassischen Trollen/Hatern lohnt keine Diskussion. Das heißt wohlgemerkt nicht, sich gar nicht auf Diskussionen mit Andersdenkenden einzulassen. Aber mit der Zeit entwickelst du ein Feingefühl dafür, wo die Diskussion lohnt, und wo nur die immergleichen Strategien angewandt werden, um dich fertigzumachen.

Letztes Jahr gab es in den USA den „Gamergate“-Skandal, nachdem dem eine feministische Kritikerin der Videospiel-Industrie mit Morddrohungen überzogen wurde. Hat diese Diskussion über die Frauenfeindlichkeit der Videospiel-Szene etwas bewirkt?

Sie hat bewirkt, dass vor allem die strategische Frauenfeindlichkeit, die zum Teil praktiziert wird, von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird, und sich dadurch manche weniger allein mit ihrem Erleben fühlen müssen, und natürlich auch Strategien dagegen weiter verbreitet wurden.

 

Sie haben anlässlich des Erfolgs von „Pokémon Go“, einem virtuellen Spiel, das draußen auf Straßen und Plätzen gespielt wird, darauf hingewiesen, dass der öffentliche Raum nicht allen Menschen gleichermaßen zur Verfügung steht – können Sie das erklären?

Pokémon Go ist nicht mehr oder weniger virtuell als andere Spiele. Es macht nur spürbarer, wie Digitales und Nicht-Digitales ineinandergreifen, dass das Digitale nur eine Erweiterung ist, keine andere Sphäre. Dadurch dass es durch sein Geocaching-Element Menschen aus dem Wohnzimmer hinaus in den öffentlichen Raum führt, zeigt es, wie wenig dieser ein neutrales “Spielfeld” ist. Viele Frauen werden sich nachts alleine nicht in jede dunkle Gasse einem Pokémon nachspüren trauen. Ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe wird oft schneller als ein möglicher Einbrecher verdächtigt, wenn er vor einem Haus herumlungert, weil er da um ein Pokémon Gym kämpft. So führt uns Pokémon ganz nebenbei vor Augen, wer sich am freiesten wo in unseren öffentlichen Räumen bewegen kann.

Das Silicon Valley wird zunehmend dafür kritisiert, dass die Unternehmen vorzugsweise junge weiße Männer beschäftigen – und viel zu wenige Frauen. Damit setzt die Tech-Industrie aber nur eine lange Tradition fort: In lukrativen, technisch-mathematischen Geschäftsfeldern waren schon immer die Männer vorneweg. Warum drängen Frauen nicht viel stärker in diese Zukunftsbereiche?

Weil diese Bereiche genau aus diesen Gründen oft nicht sehr einladend sind, und Frauen dank strukturellen Sexismen oft doppelt so hart kämpfen müssen, um sich dort durchzusetzen. Dazu kommt wie in jedem männlich-dominierten Bereich: Je weniger Vorbilder es gibt, desto weniger Frauen kommen überhaupt drauf diesen Weg einzuschlagen. Es sind immer wieder diesselben Gründe.

In den USA gibt es Bestrebungen von Vereinen und Stiftungen, Mädchen ans Programmieren heranzuführen. Sehen Sie ähnliche Entwicklungen auch für Deutschland? Würden Sie sich solche Programme wünschen?

Auf jeden Fall würde ich mir solche Programme auch hier wünschen, inwieweit es sie bereits gibt, dazu kenne ich mich zu wenig in der Programmierszene aus.

Was ist für Sie persönlich der größte Fortschritt, den die Digitalisierung unserer Welt bewirkt hat?

Die Erweiterung unserer Kommunikationsmöglichkeiten auf so viele Ebenen und die Dezentralisierung unseres Wissens. Aber tatsächlich vor allem, wieviel mehr Menschen dank digitaler Möglichkeiten voneinander wissen und sich austauschen, dieses großartige Hin und Her zwischen eigener Identitätssuche und einer unendlichen Neugier von Menschen aufeinander, verstreut über dutzende komplexe Varianten von Social Media Plattform bis zu Messenger App, von Periscope bis Snapchat.

 

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