Rassismus-Kehrwoche: RegierungTM vs Facebook the Hutt

Als ich zu denen gehörte, die es nicht verkehrt fanden, dass Heiko Maas Facebook um ein härteres Durchgreifen in Sachen rechter Hetzpostings bat, war ich einen Moment lang besorgt, ob ich damit auch gleich automatisch zu denen gehöre, die sich eine Regierung wünscht, die mal richtig durchgreift. Schon mehr Bruce Willis als Chuck Norris, also mehr Xena als Hitler, aber irgendwie trotzdem besorgniserregend. Dann kam mir aber, dass Voraussetzung dafür ja wäre, dass ich dran glauben täte, dass die RegierungTM FacebookTM mehr als ein wohlkalkuliertes höflich-verständnisvolles Lächeln abringen könnte. Deswegen ist das Vorpreschen von Maas, dem sich Merkel inzwischen ja angeschlossen hat, schon eine amüsante Sache, denn es wird zeigen, dass Facebook letztlich die Merkel der sozialen Plattformen ist: Kritik, das Aufzeigen von Grenzen und Verbesserungsvorschläge versacken stets in einer lächelnden mausgrauen? Mausblauen! Jabba-The-Hutt-PR-Wabbelhaut, die alles soweit eindringen lässt, dass es den Anschein einer Reaktion hat, dann aber lässig zurückfedert in was-auch-immer eh vorher schon ihre Position war. Macht wabert hinter Faux-Durchschnittlichkeit, hinter dem Hoodie des Jedermann, der nur dein Bestes will, sein Bestes versucht, wie du und ich, aber es ist halt kompliziert, das musst du schon verstehen, aber: mit gesundem Menschenverstand und wenn wir uns alle gemeinsam bemühen, dann! An Facebook zu verzweifeln ist wie die Verzweiflung eines Kindes in seiner ohnmächtigen sozialen Abhängigkeitssituation. Ein Kind, das den Eltern nicht klarmachen kann, wo ein Problem liegt, weil diese, sich besserwissend wähnend, gar nicht richtig zuhören, weil: Vorsprung durch Daten, mehr Überblick, mehr Erfahrung, mehr Wissen. Mehr halt. Das kann sich ein Kind doch gar nicht vorstellen. Diese Position gönne ich Maas.

“Facebook ist letztlich die Merkel der sozialen Plattformen”

Man könnte sich ja jetzt Popcorn greifen, sich zurücklehnen und zuschauen, quasi Godzilla gegen Mothra (oder vielleicht: Mechagodzilla, aber Mothra ist cooler, weil Robert Smith gegen Streisand, egal: jedenfalls Supervergleich, weil beide auch nicht 100% gut oder 100% böse), aber dann dämmert dir: Blöd, dann sind die Flüchtlinge ja die Einwohnerinnen von Tokyo, will heißen: im besten Fall Statistinnen ohne Stimmen, im blödesten: Kollateralschaden. Und überhaupt, warum kümmert Maas und Merkel das plötzlich? Ein menschlich-herziges Ablenkungspflasterl, damit die Verschärfung der Flüchtlingspolitik nicht so schmerzt? Beziehungsweise nur die Flüchtlinge schmerzt, aber die wohlmeinende deutsche Zivilgesellschaft nicht. Oder Imagesorgen um die Marke? Wir schaffen das. Wohlkalkulierte Dosierung von Wir-Gefühl, ging wohl ein bissler nach hinten los, denn soviel “Wir gegen die” war ja auch wieder nicht gewollt. Das grünwiesige und crazybiedermannberlinige (denn letztlich wird Berlin ja nur als andauernder quasi-nostalgischer Ausbruchsmoment gefeiert, nicht als Vision einer anderen Möglichkeit, an der gebaut wird, aber das ist ein anderer Rant) SchlandTM, das mit Fußball und Staatspop und etzsimmawiederwer-Gefühl, na, da wuchern nun schon ein paar Rostflecken auf der weißen – entschuldigung: “wir sind bunt”-Weste, naja: vielleicht doch eher “wir sind pastellfarben”, zu bunt soll es hier ja auch niemand treiben, jedenfalls: der braune Rost muss mal wieder weg. So ist das aber halt, wenn nix gegen das feuchte Dauerklima getan wird, weil die Parolen ja doch auch immer mal wieder praktisch für die eigene Politik sind, so ist das halt, wenn immer nur drüberlackiert wird und nie ordentlich abgeschliffen und grundiert, das sagt dir jede Autoschrauberin: da kommt der Nazidreck halt immer wieder durch.

“Warum kümmert Maas und Merkel das plötzlich? Ein menschlich-herziges Ablenkungspflasterl, damit die Verschärfung der Flüchtlingspolitik nicht so schmerzt?”

Nun mögen manche Mitglieder der weißen Herrenmasse den Finger heben, weise mahnend, dass es doch vielleicht auch gut so sei, dass das alles auf Facebook so sichtbar sei, ein wahrer Spiegel der Gesellschaft, da wisse man wenigstens woran man sei, und das Geschmeiß kreuche nicht nur im Dunklen herum, wo es dann wieder nur Agent Antifa Moulder sieht, dem eh keiner glaubt, weil in der deutschen Fußballlogik halt immer noch wie Pluspol/Minuspol gedacht: linksextrem ist die andere Seite von rechtsextrem. Dass sich die Definition von linksextrem aber seit Jahren von “Bombenattacken gegen den Staat” zu “noch einen Funken sozial-politisches Verantwortungsgefühl und Empathie im Leib” verschoben hat, und sich somit zu einem Gütesiegel entwickelt hat – wen juckt’s. Aber früher wurde ja auch mal geglaubt, dass Homosexualität widernatürlich sei, weil Magnet: Pluspol und Pluspol stoßen sich ab. Von daher bleibt tröstende Hoffnung, dass auch die Extremismustheorie Jahre nach ihrer theoretischen Überwindung auch noch IRL eingemottet werden wird. Zu der Logik, dass es doch super wäre, dass der rechte Dreck nun dank Facebook sichtbar sei und nicht an dunklen Stammtischen verborgen bliebe: Nun, das mag für manche Nichtbetroffene schon so sein, dass sie sich das als kleinen Gruselschauer beim Morgenkaffee geben wollen, aber ob das nun Flüchtende als bereichernd empfinden, dass sie das so alltäglich  in die Fresse kriegen? Wohl weniger. Denen geht es wohl eher wie mir, wenn ich den “endlich mal für alle sichtbaren, yeah!” sexistischen und homophoben Dreck um die Ohren kriegte, dass mir schon vorm Frühstück der Magen klamm wurde. Nicht umsonst habe ich eine liebevoll handgemachte, immer wieder überarbeitete Filterbubble, die mir niemand Nichtbetroffenes ever ranzig machen wird. Diesen Hassdreck im sozialen Kontext von Facebook immer wieder zu lesen, bringt Gewöhnung mit sich und resultiert in der Verschiebung von Grenzen des Tolerierten. Nicht umsonst arbeiten Menschen inzwischen mit allen Mitteln – Facebookmeldung, Anzeige bei der Polizei, Shaming bei Arbeitgeber und sozialem Umfeld – um einen sozialen Konsens wiederherzustellen, in dem es nicht alltäglich ist, rassistischen Dreck von sich zu geben.

“Super, dass dank Facebook, dem Spiegel der Gesellschaft, der rechte Dreck nun sichtbar ist? Für Flüchtlinge und andere Betroffene wohl kaum.”

Facebook als Spiegel. Nuja. Wenn, dann schon eher so ein Labyrinth von Zerrspiegeln, wie am Oktoberfest, in dem manches doppelt so breit oder wellenförmig gezeigt wird, und anderes gar nicht. Und wenn du verstehen willst, wie das aufgebaut ist und funktioniert – ich sag dir: keine Chance. Da irrst du tagelang durch das Kabinett und rennst dir bloß das Hirn blutig. Was dir aber klar wird, während du im Bierzelt nebenan mal eben noch einen Stärkungsschluck nimmst, ist, dass schon gezielt manches mehr gezeigt wird als anderes. Zum Beispiel Emotionalisierendes. Vielleicht war es ein Schluck zu viel, denn das war tapsig und dir entgleitet die schöne Spiegelkabinettmetapher, oder – nee, war nicht das Bier: Funktioniert hat sie von Anfang an nicht, weil: Es wird ja überlegt, bevor gepostet wird, ausgewählt, formuliert, Inszenierung, Performanz überall wohin du schaust. Fast wie offline, aber bewusst für online. Auch Rassist*innen können schließlich Social Media managen und da funktioniert so eine soziale Plattform ja genauso toll wie für Sexist*innen. Prima zum gegenseitigen Hochschaukeln und Schulterklopfen, ob öffentlich oder in geschlossenen Gruppen mit Verschwörungsbonus, und was für ein tolles Tool zum Vernetzen und Organisieren. Facebook ist ein gottverdammter Verstärker. Merkst du was ich merke? Wie sich mystery und hystery und history verstärken.

“Auch Rassist*innen können schließlich Social Media managen und Facebook ist ein verdammter Verstärker.”

Lass uns nicht über Sexist*innen reden, aber Rassismus geht dann doch zu weit. Wobei sich auch die Misos seit Jahren wirklich viel Mühe geben – das muss auch mal anerkannt werden, auch wenn sie jetzt gegen die rechten Sprüche abstinken – aber hey, mit blutrünstigen Todesdrohungen und hochkreativer vernetzter Verächtlichkeit – das da draus noch kein Event gemacht worden ist, wo du einen Eintritt dafür zahlst, eigentlich ein Wunder. Ach, gab’s schon. Sieh eine an. That’s social media: Aus Scheiße Gold machen und damit noch zur Senkung der Toleranzgrenze beitragen. Das muss man ja auch mal sagen dürfen: Egal, aus was für einem Grund das gesagt wird, es wird gesagt, und irgendwie muss alles mal gesagt werden heutzutage. Dürfen. Ich muss dürfen! Einsdrölf. Immer mit diesem Gestus, als hätte dir’s jemand verboten, das zu sagen. Immer die Sorge um die Meinungsfreiheit. Wessen eigentlich? Dazu müsste es doch erst mal eine gleiche Meinungsfreiheit für alle geben, was wir offline nicht hinkriegen, aber Facebook könnte das: neutrale Voraussetzungen schaffen. Du brauchst keine Lupe zu zücken, um drauf zu kommen, dass die soziale Plattform ganz schön rutschig ist, und es wieder mal die Marginalisiert*innen sind – ja, sieh einer an: ein Scherz über die inkludierende Schreibweise gleich mal selbst vorweggenommen, bevor du ihn bringst -, wo war ich: ach ja, die rutschige Plattform ist dann doch wieder eher für den Grip der bärtigen Sohlen mancher gemacht, nicht für alle. Haste die falschen Brustwarzen, biste raus. Willste selber vorsorgen, dass keine genärrischen Maskulinen oder Rechten über deinen Namen deinen Wohnort rausfinden und ihre kreative Hate Poetry offline in kreative Hate Performance umsetzen, und meldest dich deswegen unter einem Fakenamen an, wirste von einem Moment auf den anderen gekickt, weil dich wer meldet, dem oder der deine Postings nicht passen. Weg, das soziale Umfeld, weg, die Kontakte, ja, hätteste nur Emailadressen getauscht usw jaja, hätteste pätteste. “Wo soll das hinführen, wenn Privatunternehmen über Äußerungen entscheiden?” ist eine rhetorische Frage, gell? Die Antwort sehen wir doch längst in der angewandten Praxis. Wenn wir genau hinsehen.

“Willste selber vorsorgen, dass keine genärrischen Maskulinen oder Rechten über deinen Namen deinen Wohnort rausfinden und ihre kreative Hate Poetry offline in kreative Hate Performance umsetzen, und meldest dich deswegen unter einem Fakenamen an, wirste von einem Moment auf den anderen gekickt, weil dich wer meldet, dem oder der deine Postings nicht passen.”

Beißt sich in den Schwanz: Dass die Plattform nicht auch für deine freie (und das heißt: sichere) Meinungsfreiheit strukturiert ist, zwingt dich überhaupt erst zum Fakenamen. Der Fakename sorgt dafür, dass du rausgeschmissen wirst. Ein Klassiker, ja, quasi sowas wie das Wiener Schnitzel unter den Gegenargumenten zu “wer nix falsches tut, braucht nix zu verbergen”. Mit Panade und Zitrone. Selber schuld, wenn deine bloße Existenzweise für die soziale Struktur der Plattform-Mehrheit ungeeignet ist. Facebook kann sich seine putzigen 88 Optionen dein Geschlecht anzugeben mit einer gehörigen Portion Emojis, damit’s auch ein bisserl schmerzt, in seine tighte ToS schieben. Guckense halt weg, gibt’s nix zu sehen, Profil ist weg und dank der lustigen ausschnittweisen Anzeigen von Postings in der Timeline merkt’s noch nicht mal wer. Wie vom Erdboden verschluckt. Nadia Drake, Laurie Penny, Michael Anti, Feminista Jones, Salman Rushdie – um ein paar bekannte Namen zu nennen, die von Facebook gebannt wurden. Nicht leicht, sie zu finden, diese Geschichten. Wie ein blinder Fleck, das wachsende Nichts in der unendlichen Geschichte. Grausam, nicht mal so ein Abgang wie Artax in den Sümpfen der Traurigkeit ist dir da gegönnt. Keine auf der Wange zitternd glitzernde Träne, keine winkenden Taschentücher, kein Glamour. Eher so Kafka. Noch eine Pointe an der Sache: Fake für wen? Dein Fakename ist im sozialen Sinne eh gar keiner, weil dein Bekanntenkreis genau weiß, wer du bist. Aber die leidige Anzeigenkundschaft. Für die ist es halt ein Fake, da kommt Facebook nicht drumrum und kann’s doch nicht mal laut aussprechen, denn das könnte ja User vergraulen. Mit so einem Fake kann man sich halt nichts kaufen. Da braucht es halt Profile wie deutsche Reihenhäuser. Mit Jägerzaun, Hund, zwei Kindern, Till Schweiger und Oktoberfest. Dann biste safe. Wie DeutschlandTM halt. Ja, liebe Flüchtlinge, willkommen, aber lernt erst mal Kehrwoche, Karneval und Knödel schätzen, ze germin KKK quasi, sonst wird das nix mit uns.

Aber worauf wollte ich eigentlich raus? Ach ja, auf so ein semi-resigniertes “Ob es eine Imagekampagne für ein deutsches Identitätsgefühl ist – das man schon will, aber halt nicht gleich so wie jetzt diese Neonazis abgehen – oder ob es um den Lack vom humanitären Facebookselbstbildnis geht, letztlich: Wenn plötzlich mehr Hetze gelöscht werden sollte, dann nur, weil doch niemand seine Werbung neben Faschosprüchen stehen haben will.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.