Reclaim The Night Lounge – ein Interview zum Abend

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Ich habe den Nürnberger Nachrichten ein Interview zur RECLAIM THE NIGHT LOUNGE, unserem Abend gegen Übergriffe im Nachtleben gegeben und freue mich sehr, dass sie über unsere Arbeit dazu berichten. Der Artikel bringt allerdings einen Punkt etwas verkürzt rüber, der mir wichtig ist: Es klingt, als wollten wir heute Abend nur Frauen Tipps geben wie sie sich besser schützen können. Das würde ich aber als Victim Blaming betrachten, und hatte ich eigentlich in meinen Antworten nicht so gesagt. Aber dafür hab ich ja einen Blog – hier das vollständige ausführliche Interview:

F: Wie ist man auf die Idee gekommen so eine Veranstaltung ins Leben zu rufen? Gab es einen Vorfall der sozusagen als Initiator gewirkt hat, oder war es ein spontaner Einfall von Seiten des MV? Ist dies der erste Abend oder gab es schon ähnliche Veranstaltungen dieser Art? Sind weitere geplant?

A: Dass Übergriffe, von verbaler Belästigung bis zu Angrapschen oder mehr, im Nachtleben ekelhaft gängig sind, aber viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, fanden wir schon länger, aber konkretisiert hat sich das auf unserer letzten Jahresklausur September 2016. Da die Basis wichtig ist, legt der Musikverein seit zwei Jahren mehr Wert auf Gender-Ausgewogenheit auf der Bühne und unter den Veranstaltenden. Wenn mehr Frauen unter den Veranstaltenden sind, bekommt automatisch auch ein Problem, das in erster Linie Frauen betrifft, mehr Aufmerksamkeit. Dann haben wir unseren Gästen immer wieder ans Herz gelegt, sich zu melden, wenn sich ihnen gegenüber danebenbenommen wird. Da bekamen wir auch Feedback und dadurch wurde das Thema noch dringlicher. Unter dem Sammelbegriff Reclaim The Night haben wir dann begonnen, konkreter zu werden: Seit letztem Herbst zeigen wir bei unseren Club Nights auf der Hauswand Visuals mit Slogans gegen Übergriffe, zum Beispiel „’Nein’ heißt nicht ‘überzeuge mich’!“ oder „Party hard but party with consent!“

Um einen Austausch zu diesem Thema mit anderen Veranstaltenden aufzumachen, haben wir im November zu einem Runden Tisch eingeladen, den gab’s inzwischen schon zum zweiten Mal, da hat sich Carmen ‘double u cc’ vom Musikverein stark darum gekümmert. Zur besseren Vernetzung zwischen Veranstaltenden haben wir eine Mailingliste und eine geschlossene Facebookgruppe angelegt. Die Reclaim The Night Lounge ist jetzt mein Baby. Da ist die Idee, in den Austausch mit Gästen bzw. Betroffenen zu gehen, da wir uns als Community verstehen, und weil ein offener Austausch immer ein guter Ansatz für Problemlösungen ist. Wir wollen auch das Tabu abbauen, dass manche Clubs sich nicht offen darüber reden trauen, weil sie Angst um ein schlechtes Image haben müssen – wenn alle offen darüber reden, wird schnell klar, dass das ein clubübergreifendes, ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Und je nach Feedback wird es den Abend öfter geben.

F: Gibt es großes Interesse an der Veranstaltung? Also haben Sie schon Feedback für Idee bekommen? Welche Zielgruppe haben Sie im Blick? Ist Die Veranstaltung nur für Frauen oder sind auch Männer willkommen? Was ist das angestrebte Ziel dieser Veranstaltung?

A: Das Interesse im Vorfeld zu messen ist immer schwierig, aber ja – es hat uns schon positives Feedback erreicht. Die Reclaim The Night Lounge ist für alle Betroffenen gedacht, das heißt sowohl Frauen und andere, die schon Übergriffe im Nachtleben erlebt haben, als auch Leute, denen das Thema wichtig ist und die sich engagieren oder informieren wollen. Natürlich sind auch Männer willkommen, sie sind zwar seltener Opfer von Übergriffen, aber auch das kommt vor. Uns ist wichtig, dass sich eben wirklich alle willkommen fühlen, denen es ein Anliegen ist, etwas gegen Übergriffe im Nachtleben zu tun. Das Ziel ist Information, Austausch, Aktion. Wir haben dazu jetzt auch noch eine Facebookgruppe angelegt:  damit die Diskussion auch online weitergeführt werden kann, und eine Kontakt-Mailadresse: reclaimthenight@musikverein-concerts.de (die Mails landen bei mir und Carmen double u cc und wir werden auf Wunsch natürlich auch Mails anonym behandeln.) Und demnächst geht auch die Website www.reclaimthenight-nbg.de online.

F: Wie gesagt ist das Thema der sexuellen Übergriffe ein brisantes Thema seit dem Vorfall in Köln. Deshalb auch die Frage, ob Köln Auswirkungen auf das Nürnberger Nachtleben hatte (negativ wie positiv)?

A: Die verabscheuungswürdigen Übergriffe der Silvesternacht fanden ja nicht nur in Köln statt, sondern es gab meines Wissens auch einen kleinen Ableger in Nürnberg. Wir vom Musikverein waren uns schnell einig, dass wir das für eine sehr systematisch angelegte, gezielte Aktion halten, und dass wir die Gefahr einer Instrumentalisierung für rassistische Vorurteile sehen und für ein Gegeneinander-Ausspielen der Opfer von Rassismus und Sexismus. Das hat sich dann leider auch bestätigt: Plötzlich haben sich Leute gegen Übergriffe stark gemacht, die vorher fanden, dass Frauen ja total übertreiben, wenn sie sich darüber beschweren.

Unabhängig von der Silvesternacht, die wie gesagt ein sehr krasser und anscheinend systematisch angelegter Übergriff war, begegnen wir und andere Veranstaltende, die explizit Flüchtlinge willkommen heißen, um ein Zeichen zu setzen, natürlich auch Übergriffen von Flüchtlingen. Aber: wir sehen viel mehr Geflüchtete friedlich mit uns feiern, deswegen ist es uns wichtig, dass da kein Graben zwischen Alt- und Neu-Nürnbergern aufgetan wird. Die letzten beiden Übergriffe gegen mich persönlich zum Beispiel kamen nicht von Geflüchteten. Aber sie kamen von Männern. Wenn also jemand unbedingt ein Kulturding draus machen, will, dann wäre es angebrachter, eine bestimmte Art von Männerkultur zu kritisieren, denn da gibt es über alle Kulturgrenzen hinweg einiges an Selbstverständlichkeit und Leichtfertigkeit in Sachen Belästigung abzubauen. Schafft erst mal Mario Barth und Club Nights, bei denen Frauen mit freiem Eintritt und Gratisdrinks willig gemacht werden sollen, ab, bevor ihr euch Geflüchtete als Zielscheibe aussucht.

F: Was glauben Sie persönlich was man ändern könnte, um solche Übergriffe zu verhindern? Welche Tipps können Sie Frauen mit auf dem Weg geben, wenn sie sich  zum Beispiel alleine auf dem Heimweg befinden oder eben, was leider viel zu oft vorkommt, auf der Tanzfläche begrapscht werden?

A: Langfristig, im Großen gedacht, hilft nur eine Verschiebung des sozialen Konsens, dazu gehört z.B. auch kein Victim-Blaming zu betreiben. Deswegen: Frauen (und anderen, die belästigt werden) möchte ich als Tipp mit auf den Weg geben, es nicht als selbstverständlich hinzunehmen, dass sie diejenigen sind, die ständig bereit zur Abwehrhaltung sein müssen. Stattdessen möchte ich Männern mit auf den Weg geben: Belästigt keine Frauen. Aber eigentlich mag ich den Geschlechtergraben da auch nicht, deswegen: Grapscht nicht in der Anonymität der Tanzfläche andere Menschen an, außer diese haben klar signalisiert, dass sie Lust auf Körperkontakt mit euch haben. Lasst Menschen in Ruhe, die signalisieren, dass sie sich keine Unterhaltung mit euch wünschen. Vergewaltigt keine anderen Menschen. Sagt Leuten an Bar oder Tür oder einfach anderen Gästen, die in der Nähe stehen gleich Bescheid, wenn jemand übergriffig wird. Tut das nicht länger als Bagatelle ab, macht es sichtbar. Wenn ihr etwas beobachtet, was übergriffig aussieht, fragt einfach mal nach, ob es für die Person okay ist, oder ob sie Unterstützung beim Abwimmeln braucht.

F: Sie engagieren sich ja auch neben dieser Veranstaltung gegen Sexismus. Welche Möglichkeiten hat der MV um die Sicherheit von Frauen in Discos, Bars und Co. zu verbessern?

A: Wir versuchen, Gästen zu vermitteln, dass wir eine Nulltoleranzpolitik bezüglich Übergriffen fahren, via Webpräsenz, Aushängen und Visuals. Alle die bei uns an Einlass und Bar im Einsatz, sind stets bereit zu helfen, und wir haben inzwischen bei jeder Party mindestens einen Security im Einsatz. Wir versuchen sogar, dass bei jeder Party auch jemand von uns auf der Tanzfläche ein bisschen die Augen aufhält. Da die Grenze zwischen Veranstaltenden und Publikum bei einem Kollektiv wie dem Musikverein oft fließend ist, liegt uns an einem Austausch mit unseren Gästen, deswegen die Reclaim The Night Lounge: eine öffentliche Plattform schaffen. um Erlebnisse zu schildern, Wünsche an Veranstaltende zu äußern, Ideen für kleine Aktionen in den Raum zu werfen.

Entschuldigung aber ich habe ganz vergessen zu fragen wie denn der gesamte Abend ablaufen soll (Programm und geplante Aktionen)?

Nach einem einleitenden Vortrag von mir wird es eine offene Gesprächsrunde geben, in die sich alle, die kommen einbringen können. Bettina Wagegg vom Musikverein wird das moderieren und mit ein paar Fragestellungen ins Rollen bringen. Danach gibt’s noch ein bisschen Bar-Musik, damit auch im kleineren Kreis noch Gespräche fortgeführt werden können. Und ein bisschen was zum Snacken gibt’s auch.

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