That’s why the lady is a fan – Frauen, Fankultur und dieses Internet

Ich habe im Rahmen der Ausstellung PASSION im Kunsthaus Nürnberg einen Vortrag zu weiblichen und zu digitalen Aspekten von Fankultur verfasst, den ich zur Feier des Internationalen Frauenkampftages in Schriftform zur Verfügung stelle. Wenn ihr ihn lieber hören würdet als lesen – bitte Rückmeldung, dann stelle ich das gerne auch als MP3 / Podcast online. Viel Vergnügen.

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That’s why the lady is a fan

Ich habe mir ein paar Punkte zu weiblicher Fankultur herausgepickt, an denen ich versuche, zu verdeutlichen, dass Fankultur schon immer mehr war als nur Schwärmerei für einen Star, sondern auch etwas mit Ausbruch aus Repression und mit Communities als verstärkende Kollektive zu tun hat. Dazu werde ich über Teengirl Fan Communities von Bobby Soxers 1944 bis Directioners heute eingehen. Dann wird’s drum gehen, warum Fankultur im Pop schon immer eine weibliche Domäne ist bzw warum eigentlich Frauen immer vor der Bühne und nicht auf ihr zu finden waren und oft immer noch sind. Riot Grrl habe ich mir als eine historische Landmarke herausgepickt, die zum einen weibliche Solidarität verstärkt hat, die ein wichtiger Bestandteil des Teengirl Fantums ist, und die gleichzeitig aus einer Idee des DIY Punk heraus die Distanz zwischen Fan und Künstler*in aufzuheben suchte. Dann wird es um den Einfluss der Digitalisierung und Internetkultur auf Fantum gehen, zu der dann eine auch auf Mainstreamebene verringerte Distanz zwischen Fan und Künstler*in kam, aber gleichzeitig auch mehr Konkurrenz und eine Hyperkommerzialisierung. Das wiederum führt dazu, dass Stars ihre Fans durch eine Reverse Fan Culture bei der Stange halten müssen. Dank Internet gibt es mehr denn je Formen, in denen Fankultur ausgelebt wird, und sich darüber ausgetauscht wird. Als eine interessante Form werd ich kurz auf Fanfic eingehen. Und dann auch noch als spezifisches Beispiel auf ein Musikvideo, das für mich ganz speziell für das sich verändernde Verhältnis von Star und Fan, für internetspezifisches Marketing und Musik stehen kann. Und abschließend werd ich kurz darauf eingehen, ob es nicht ein positiver Ausblick sein könnte, derivate Kunst nicht als rein nostalgisch anzusehen, als “Retromania”, wie es Reynolds nannte, sondern über das Verstehen dieser Kunst als Fankultur, sie als zukunftsverheißenderen Entwurf zu sehen: als “configurable culture”, wie es Aram Sinnreich nannte.

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Frank Sinatra als erster Popstar mit großem Teen-Fangirl-Following: den Bobby Soxers

Der Titel, ‘That’s why the lady is a fan’, lehnt sich nicht umsonst an den Titel eines Songs an, der zwar zuerst von Mitzi Green gesungen wurde, von dem aber zahllose Versionen existieren, von Ella Fitzgerald bis Lady Gaga. Ich habe ihn in einer Fassung von Frank Sinatra kennengelernt: “That’s why the lady is a tramp”, ein Song über eine Frau, die sich nicht der New Yorker High Society Etikette unterwerfen will. Und Frank Sinatra wird gerne als der erste Popstar mit einem richtig riesigem Fankreis gesehen, deswegen erschien mir das als Titel ganz passend.

Dorian Linskey schreibt, dass er in Sachen Fanphänomen als Vorgänger Sinatras eigentlich nur die Lisztomania sieht, die – von Heinrich Heine so benannt – 1842 aufkam: eine Art Masseneuphorie bei Konzerten von Franz Liszt. In einem Radiobeitrag von NPR wird der Pianist Stephen Hough zu Liszt zitiert “Wir hören davon, dass Frauen ihre Kleidung auf die Bühne geworfen haben und seine Zigarrenstummel genommen und sich in ihren Ausschnitt gesteckt haben.” Sie sollen sich auf ihn gestürzt und um Fetzen seiner Kleidung, gerissene Pianosaiten und einer Locke seines schulterlangen Haares gekämpft haben.

100 Jahre später erst kam dann bei Frank Sinatra eine ähnliche Masseneuphorie unter Fans auf. Einschneidend ist der 12. Oktober 1944 gewesen, an dem es zu den Columbus Day Riots kam: Eine Masse junger Fans – vor allem weibliche – fluteten den Times Square, weil an diesem Tag Frank Sinatra seine Residenz im New Yorker Paramount Theatre begann. Genauso wie wir es von der Beatlesmania oder von heutigen Boygroup Fans kennen, wurde lange vor Öffnung schon auf der Straße gewartet. Fans wollten alle sechs Shows sehen, die Sinatra an diesem Tag spielte, und so verließen nach seinem Auftritt nur 250 von 3000 ihre Sitze, während auf der Straße 30.000 darauf warteten reinzukommen. Die Polizei war überfordert von den Massen an Teenagern, Chaos überall. Jon Savage stellte fest, dass passenderweise in genau diesem Monat desselben Jahres auch das erste Mal der Teenager-Markt erschlossen wurde, genauer gesagt: Das Teen-Magazin Seventeen wurde zur selben Zeit veröffentlicht wie die großen Ausschreitungen der Sinatra-Fans stattfanden. Noch mal 60 Jahre später und Popstars wie Miley Cyrus zierten das Cover von Seventeen.

Frank Sinatras Fans hatten auch schon einen eigenen Namen: Die Bobby Soxers, nach den Ringelsöckchen benannt, die viele der jungen Frauen damals trugen. Heute gibt es für die Fangemeinden der ganz großen Stars den Begriff der Fan Army, der schon etwas ernstzunehmender bzw fast bedrohlich klingt. Auch diese Fan Armys haben je nach Star ihre eigenen Namen:

One Direction – Directioners
Taylor Swift – Swifties
Beyoncé – Beyhive
Justin Bieber – Beliebers
Miley Cyrus – Smilers
Lady Gaga – Little Monsters
Bruno Mars – Hooligans

Weibliche Teenager als Fans werden schnell mit Worten wie Hysterie und Manie abgestempelt: Massen kreischender Teenies, die naiv auf die Marketingfalle Pop hereinfallen und hoffen, dass ihr Star sich auch in sie verknallt, sich für immer in Sehnsucht nach ihm verzehrend, wie es auch Scott Matthew in seinem Song ‘Market me to children’ düster-skeptisch vertont hat:

“It’s a chilling claim to fame
We steal their baby brains
big minds work out strategy
that never fail to train

oh the horror”

Fantum als selbstermächtigender sozialer Raum

Ich habe bewusst von Masseneuphorie und nicht dem negativen Begriff Massenhysterie gesprochen, der Frauen zum passiven Opfer macht, denn – auch da möchte ich Jon Savage aufgreifen – es handelt sich um einen Moment, der von der kollektiven Macht junger Frauen zeugt, die schon immer einen zentralen Punkt in der Popmusik einnahm. Claudia Calhoun schreibt über die kreischenden jungen weiblichen Fans: “Sie machten ein Spektakel aus sich selbst, sie machten einen Star aus Frank Sinatra, und sie erschufen einen sozialen Raum, in den Generationen von weiblichen Fans weiterschreien und in Ohnmacht fallen würden.” Sie inszenieren ihr Auftreten ganz bewusst, es ist ein Spiel, ein Ritual, sie sind sich im Klaren darüber wie sie wirken, egal ob Justin Bieber Fans auf Twitter oder Frank Sinatra Fans, die gemeinsam hinter verschlossenen Türen zu Schallplattenmusik übten, wie sie sich auf Konzerten in Verzückungspose werfen würden. Es ist immer eine Mischung aus Leidenschaft und aus Selbstinszenierung gewesen. Das Niederschreien der Band als Ausdruck der eigenen Macht im Kollektiv.

Abwertung weiblicher und Teen Fankultur und Expertise

Demgegenüber: Das Urteil der vermeintlich echten Musikkenner: Wenn sich für eine Band eine große Anzahl von Mädchen interessiert, dann kann ihre Musik nichts taugen. ‘Mädchenmusik’ gab es vor Jahren schon als abwertenden Begriff dafür. Dabei kennen sich die jungen Frauen unglaublich gut aus mit ihren Stars und deren Musik, da wird genauso intensiv diskutiert wie es männliche erwachsene Fans tun, die sich aber als die einzigen ernstzunehmenden Kritiker sehen. In Blogs und sozialen Netzwerken wie tumblr tauschen diese Fan Communities sich detailliert aus, zerlegen jeden Song und jeden Tweet, feiern ihre Stars genauso wie sie sich gegenseitig feiern. Das Communitygefühl jenseits von Eltern und trautem Heim, das über das Erarbeiten des eigenen Geschmacks, das Diskutieren über den gemeinsamen Geschmack und das Teilen von Gedanken dazu entsteht, ist ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens für viele – und bleibt auch später im Leben für viele wichtig zur Weiterentwicklung.

Die Teen-Fans sind sich, anders als es das erwähnte Scott Matthew Zitat vermuten lässt, völlig im Klaren darüber, wie konstruiert der Popstar ist, wie Kampagnen zur Werbung für neue Alben oder Songs lanciert werden, das Skandale bewusst gestreut werden, um Aufmerksamkeit zu generieren. Die Musikjournalistin Brodie Lancaster hat ein schönes Beispiel dafür, wie kritisch und selbstermächtigend Teenager heute mit ihren Stars umgehen, nämlich eine sogenannte DIY Single von Directioners, also One Direction Fans, 2015.

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Directioners DIY Single

Nachdem sie die von One Direction und ihrem Management veröffentlichten Singles als zu zuckrig empfanden, statt dass die guten Songs Singles wurden, und das Album nicht so durchstartete, wie erhofft, waren einige Fans sich einig, dass der Song ‘No Control’ eine Single sein sollte. Ein Fan postete auf tumblr die Idee, dass alle Directioners sich zusammentun sollten, Artwork und sogar ein Fan-Video machen sollten, und alle am selben Tag den Song auf iTunes kaufen, damit er an diesem Tag in die Verkaufscharts eingehen würde. Als verstärkendes Element, damit es auf Social Media viral gehen würde, verwendeten sie Thunderclap, so etwas wie Kickstarter für virale Kampagnen. Und tatsächlich: Project No Control wurde ein voller Erfolg. Teenie Fans brachten eine der größten Bands überhaupt zur Zeit dazu, das zu tun, was sie wollten. Ein BBC Moderator verglich das sogar mit Punk und DIY Releases, deswegen auch der Begriff DIY Single.

Fangirl vs Musiknerd

Eins macht es jedenfalls klar: Teenagermädchen suchen sich selbst aus, was ihnen gefällt, wissen genau, was sie wollen und wie sie es bewirken können. Sie sind alles andere als nur naive Konsumentinnen. Aber ‘Fangirling’ hält sich als Begriff für beliebige Schwärmerei: durch und durch emotional, als das Gegenteil des männlichen erwachsenen Musiknerds, der angeblich ganz rational erklären kann, warum etwas gut ist oder nicht. Das ist natürlich Quatsch, denn dass die Qualität von Musik ganz objektiv bestimmbar sei, haben diese Kritiker im Verlauf der Popmusikgeschichte selbst immer wieder widerlegt. Ausgrenzungsmechanismen aus dem Popkanon erfuhren und erfahren letztlich so gut wie alle Werke von Künstler*innen, die nicht männlich und weiß sind. Nur um dann Jahre später durch nerdige Nischenkramerei dann doch im Nachhinein als verkannte Musiker*innen noch mal als interessant entdeckt zu werden. Und als ihre Entdecker lassen sich auch dann wieder meist weiße männliche Kritiker feiern. Der Zugang, den junge weibliche Fans zu Musik finden, wird oft ins Lächerliche gezogen oder gar als Blasphemie betrachtet, z.B. wenn Miley Cyrus The Smiths covert in ihrem Projekt für obdachlose Queer-Jugendliche. Oder wenn jemand die Ramones über eine Fernsehserie wie O.C. California kennengelernt hat. Aber, so stellt Claudia Calhoun fest: auch wenn Musik, die junge Frauen anspricht, oft von Erwachsenen und jungen Männern abgetan wird: seit um die Zeit des 2. Weltkriegs herum eine Teen Girl Fan Kultur aufkam, folgte die Unterhaltungsindustrie dieser immer mit großem Interesse, egal ob es war, um sie schlechtzureden, sich drüber lustig zu machen, was Teenies jetzt wieder vermeintlich Schreckliches gefiel, oder um sie als kaufwillige Kundschaft ins Visier zu nehmen.

Fangirling als Protest gegen sexuelle Repression

Umgekehrt, schreibt Calhoun, haben Mädchen Popidole benutzt, um sich selbst auszudrücken, um ihr Begehren, ihre Wünsche in einer Gesellschaft sichtbar zu machen, die sie oft bevormundet. Im Zeitalter der Massenmedien ist die Popmusik zu einem wichtigen sozialen Ort für junge Frauen geworden. In der Starverehrung haben Mädchen eine Form gefunden, in der sie ihre neuentdeckten romantischen Gefühle, und zwischenmenschliche Beziehungen auf sichere Art erforschen können, wie Sandra Song feststellt. Die Kritikerin Barbara Ehrenreich schrieb 1992, dass einerseits Mainstreamkultur zunehmend sexualisiert war, aber von jungen Mädchen trotzdem erwartet wurde, dass sie der Inbegriff von Reinheit sind. Sie schreibt über die Beatlesmania: “Die Kontrolle zu verlieren – zu schreien, in Ohnmacht zu fallen, in Mobs umherzudrängen – das war, in der Form, wenn nicht gar in bewusster Absicht, ein Protestieren gegen sexuelle Repression, den strengen Doppelstandard weiblicher Teenkultur. Es war der erste und dramatischste Aufstand der sexuellen Revolution der Frauen.” Trotzdem war Sexualität nur ein Bruchteil dessen, was Fantum ausmacht: Solidarität und eine Gruppenidentität spielten eine mindestens genauso große Rolle. Etwas, das Fans untereinander verbindet, sonst aber niemand – und schon gar nicht Eltern – versteht.

Fan – die Rolle der Frau in der Musik

Wie kommt es dazu, dass Frauen so oft in der Fanperspektive zu finden sind? Das ist kein reines Teenphänomen, und auch keines aus längst vergangener Zeit, sondern auch heute noch, wenn es darum geht als Musikerin oder DJ aktiv zu werden, sind es meist die Männer, die auf der Bühne und die Frauen die davor stehen. Sind es die Männer, die ‘fachsimpeln’, sind es die Frauen, die ‘schwärmen’. Es hat mit dem erwähnten Nicht-Ernstnehmen einer weiblichen Perspektive auf Pop zu tun, aber auch mit einer anerzogenen weiblichen Art, sich nicht vordrängeln zu wollen. Und natürlich mit allgegenwärtigen Boys Networks, den Kumpelnetzwerken, bei denen Frauen einfach nicht dabei sind / sein können. Frauen gehen nach wie vor seltener alleine Abends aus, stellen sich seltener auch mal alleine an die Bar – schon allein, weil sie da schnell unliebsame Anmachen abbekommen. Wieviel Zeit Frauen mit dem Abwehren von ungewollten Anmachen aufbringen müssen, während Männer sich gemütlichem Plauschen über Musik hingeben können. Bah. Als Sahnehäubchen kommt darauf das Lustigmachen über Frauen, die im Musikkontext unterwegs sind, z.B. das Klischee der Freundin als Jackenhalterin beim Konzert, das Möchtegern-Groupie der Band, usw. Allein schon durch einen gewissen roughen Tonfall werden Grenzen markiert. Sexismus wird oft als Scherz gekennzeichnet: man wisse ja, wie’s gemeint sei, und das egal ob beim Gespräch an der Theke oder auf Facebook: Männer verstärken immer wieder ihre kumpelhafte Verbundenheit, und weil sie die meisten wichtigen Positionen in der Musikszene innehaben, ist es schwer für Frauen, Zugang zu finden und sie selbst zu prägen. Am leichtesten bekommst du Zugang, wenn du dich an den Männertonfall anpasst, als ‘one of the guys’ durchgehst, auch mal über Frauenfeindliches mitlachst.

Diese Netzwerke und Mechanismen sind unsichtbar, schwer zu benennen, schwer konkret zu belegen. Es ist nichts Offizielles, und kaum einer der Männer, der sich in solchen Kumpelnetzwerken befindet, würde sich als jemand sehen, der Frauen ausgrenzen möchte oder das gar aktiv tut. Aber genau wegen dieser Unsichtbarkeit funktionieren die Mechanismen auch so gut. Natürlich sind nicht alle Männer so, genauso wenig wie sich alle Frauen davon abschrecken lassen, bzw gibt es natürlich auch Frauen, die beim Heruntermachen anderer Frauen mitspielen, allein schon um als Kumpel in den Männerbünden akzeptiert zu werden. Das erschwert Solidarität unter Frauen. Wenn sich eine Frau für andere Frauen einsetzen will, und das als Thema auch explizit transparent macht, weil es ihr fairer erscheint, bekommt sie oft zu hören, dass es doch um Musik ginge, und nicht darum, was für ein Geschlecht jemand hätte. Wenn Männer immer wieder Männer begünstigen, ohne das transparent zu machen, wird andererseits stets abgestritten, dass es etwas mit dem Geschlecht zu tun hätte und damit dieser Mechanismus unsichtbar gemacht. Das alles also wären Gründe, warum es für Frauen* schlicht einfacher, sicherer und angenehmer ist, als Fan in der Musikszene unterwegs zu sein. Dazu kommt der Teufelskreis: Fehlende Vorbilder. Wenn es nicht ‘normal’ ist, dass genauso viele Frauen* auf der Bühne oder hinter dem DJ Pult stehen, dann bleibt es auch eine Sonderposition, die immer erst ein Stück weit erkämpft werden muss. Leidenschaft für Musik wirft viele heterosexuelle junge Frauen mangels weiblicher Identifikationsfiguren auch in eine gespaltene Gefühlsposition, wenn sie vor der Bühne stehen: Begehre ich das Musiker-Sein oder den Musiker? Ein Lied von Sleater-Kinney hat das für mich immer ganz wunderbar ausgedrückt: “I wanna be your Joey Ramone”.

“i wanna be your joey ramone
pictures of me on your bedroom door
invite you back after the show
i’m the queen of rock and roll
i just don’t care
are you that scared?
i swear they’re looking right at me
push to the front so i can see
it’s what i thought
it’s rock’n’roll”

 

Weibliche Perspektive im Musikjournalismus

Fan-Sein hat ja immer etwas mit Identifikation zu tun. Das Dilemma der weiblichen Fans, egal ob vor Bands oder vor Filmen und Büchern, die uns fast nur männliche Hauptfiguren geben – will ich wie der Held sein oder bin ich in den Held verknallt? Liebe ich die Idee von mir in seiner Rolle, oder liebe ich ihn? Dazu kommt, dass die Weiblichkeit sogar in der Perspektive des Musikjournalismus oft kleingehalten wurde, vor allem wenn es um Leidenschaft ging. Eli Davies schreibt darüber, wie Frauen aus der britischen Indiegeschichte geradezu herausgeschrieben wurden: “Deine tiefe Liebe und Verehrung für eine Band wird oft als manische Hysterie, oder als Verlangen den Leadsänger zu ficken abgetan.” Über Pulps Different Class schreibt sie: “Ja, Sex war ein großer Teil der Anziehungskraft für mich, aber kein körperliches und reduktives Verlangen nach Jarvis selbst, oder irgendeinem anderen Mann in der Band. Da war ein lusterfüllter Drive, der sich durch diese Songs zog, von dem viel aus den Texten kam, aber auch direkt in der Musik und Ästhetik war, im Schimmern und Summen von Candida Doyles Keyboard, den tiefen wummernden Basslinien, der stacheligen Gitarre.” Diese tiefe Sexualität von Musik fehlt meist in Besprechungen männlicher Journalisten und Fans, selbst bei einem Thema wie der lustvollen Pit-Tanzkultur des Punk und Hardcore. Sie wird immer als asexuell, als nur über Aggression als emotional empfunden dargestellt, als ob da kein lustvolles Erleben dabei wäre, wo doch dieser feiernden engen verschwitzten sich aneinanderreibenden Nähe von oft halbnackten Männerkörpern ja ein erotisches Moment nicht abzusprechen ist.

Das Tabu, Sexismen anzusprechen

Dazu kommt das Tabu, über frauenfeindliche Texte zu reden. Sie gehören einfach dazu, zählen als künstlerische Freiheit, Szenekolorit. Es wird nicht ernstgenommen, ist ein Nebenschauplatz. Eli Davies schreibt dazu: “Versteh mich nicht falsch: Ich weiß, dass wir von unseren Popstars keine politische Reinheit erwarten, aber es sollte doch wert sein, über den Prozess zu reden, durch den wir als weibliche Fans gehen, wenn wir Frauenfeindlichkeit bei den Künstlern sehen, die wir lieben. Es ist nicht gerade ungewöhnlich, auch wenn wir es nicht unbedingt immer gleich erkennen. … Wenn du verstehst, dass Musik in der Mainstreamkultur immer noch fundamental als Männerterritorium gesehen wird, ist es klar, warum nichts davon ordentlich diskutiert wird. Es sollte aber nicht einfach als zufälliges Detail abgetan werden, es sollte wahrgenommen werden. Als Hörerinnen verhandeln wir dieses Zeug die ganze Zeit mit uns, bewusst und unbewusst, und dieser Prozess ist zum Großteil unsichtbar.”

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Riot Grrl als Verstärker weiblicher Solidarität

Kathleen Hannah von Bikini Kill gilt als Aushängefigur einer Bewegung, die eigentlich keine Gallionsfigur haben wollte: Die Riot Grrls. Es war eine Bewegung, die nicht nur mehr Frauen auf die Bühne brachte, sondern war auch für die weibliche Fankultur dieser Szene wichtig, denn in erster Linie bedeutete Riot Grrl eine Selbstbehauptung von weiblicher Solidarität. Fanzinekultur war ein wichtiger Teil, Frauen schrieben selbst über Künstlerinnen, die sie toll fanden, und über ihre Rolle und Perspektive und ihre Probleme als Musik-Fan in einer männerdominierten Szene. Die Situation als Frau in einem Hardcore-Pit, in dem das Recht des körperlich Stärkeren galt. Über Männernetzwerke. Über Sexismus, Belästigung und Vergewaltigung, die einer als weiblicher Fan in einer Szene passierte, die man eigentlich von Musik und Idee her liebte. Es wird von der Riot Grrl Bewegung oft nur die Rolle gesehen, die sie für Frauen auf der Bühne spielte, aber das eigentlich großartige und nachhaltig verändernd wirkende war dass es keine Rolle spielte, ob auf der Bühne oder als Fan davor: Riot Grrl steht für die Möglichkeit eines weiblichen Schulterschlusses und eine Nivellierung des Fan/Star Verhältnisses: Jede* kann Musik machen, jede* kann die Szene als Fan mitprägen, keines von beiden ist wichtiger. Wir sind es gewohnt, uns über den männlichen Blick zu definieren. Das ist gar nicht so leicht loszuwerden. Riot Grrl trug dazu dabei, von unten, aus dem Punkbereich, einen weiblichen Blick in die Popmusik einzuführen. Diese Art engagierter weiblicher Solidarität ist in vielen Musikszenen und Musik Communities immer noch oder immer wieder neu, aber Fan Communities sind eigentlich der Ort, an dem sie auch vor Riot Grrl Zeiten gelebt wurden. Riot Grrl hat dazu noch aus dem Punk die Idee des “jede*r kann Musik machen” genommen, und damit die Aufweichung der Grenze zwischen Fan und Star. Heute ist es gängiger geworden, Musikerinnen* über andere Musikerinnen* schwärmen zu hören. Das ist eine Solidarität, die aus einem Fantum gelernt wird. Es sind nicht mehr nur Frauen, die sich als Einzelkämpferinnen einen Status als Musikerin erkämpfen, nicht mehr nur Frauen, die versuchen, sich den Respekt von männlichen Fans und Kritikern zu erobern, sondern etwas, was eine Art Bechdel-Test für Frauen in der Musikszene bestehen würde: Frauen, die sich mit anderen Frauen über Künstlerinnen unterhalten. Inzwischen gibt es auch halbwegs große Medien dafür: In Deutschland steht dafür sowas wie das Missy Magazin, in den Staaten zum Beispiel das Rookie Magazin.

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Lane Kim aus Gilmore Girls als Fangirl und Nerd

Mir ist zum Thema dieser weiblichen Solidarität und dem gleichzeitigem Fan und Star sein, auch noch eine Serie in den Kopf gekommen, die eine großartige Indie-Punk-Nerd Grrl Figur hat: Lane Kim in Gilmore Girls. Eine Serie rund um Frauenfreundschaften, in der sich eine weibliche Perspektive, ja, eine Teen Fangirl-Perspektive auf alles von Musik über Kaffee oder den ersten Schnee erstreckt. Das gemeinsame Fangirling, das so gerne ins Lächerliche gezogen wird, wird bei den Gilmore Girls lustvoll zelebriert. Und es kommt unglaublich viel gute Musik vor – Yo La Tengo, The Shins, Björk, Angelic Upstarts, Big Star, in einer Folge tauchen Sonic Youth und die Sparks als Straßenmusiker*innen auf. Und für das Fan-Thema ist Lane Kim eine fantastische Figur: ein unglaublicher Musiknerd, gegen die Mutter rebelliernd, weil sie Musik so liebt, sie muss ihre große CD-Sammlung unter den Dielenbrettern ihres Zimmers vor ihrer strengen superreligiösen Mutter verstecken, später fängt sie dann aber sogar in einer Band zu spielen, als Schlagzeugerin. Es wird gezeigt, wie meisterhaft sie ausgetüftelte Wege findet, damit ihre Mutter nichts von ihrem leidenschaftlichen Parallelleben als Musikfan und später auch Musikerin erfährt, bis sie sich zu outen wagt. Die Storyline im späteren Verlauf der Serie wurde dann leider etwas enttäuschend, und von vielen Fans heftig kritisiert: Lane heiratet, kriegt Kinder, hört mit dem Musikmachen auf – entsetzlich! Es gab viele Fans, die sich alternative Storystränge für Lane ausgedacht haben, und sie zum Beispiel als Fanfiction im Netz teilten.

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Veränderung der Fankultur dank Internet und sozialen Plattformen

Damit kommen wir auch schon zu den ganzen neuen Formen von Fankultur, die das Internet und soziale Plattformen mit sich brachten. Noch mal kurz ein Blick zurück: Bei der näheren Betrachtung der Bobby Soxers, der Frank Sinatra Fans, ließ sich feststellen, dass es sich damals schon nicht um ein reines Anhimmeln handelte, sondern dass das weibliche Fantum schon immer auch mit Selbstermächtigung und weiblicher Kollektivität zu tun hatte. Das partizipatorische Element war schon immer da, und sei es nur als rituelles gemeinsames Kreischen auf Beatles-Konzerten, oder Malen von Bildern des Stars. Punk mit seiner DIY Kultur, und explizit ermächtigend für Frauen der Riot Grrl Teil davon, hat den Fan noch mehr emanzipiert, z.B. durch das Schreiben in oder selbst Veröffentlichen von Fanzines, das Organisieren von Ladyfesten, auch Craftkultur hat sich neu verbreitet, und vieles mehr. Eine große Erweiterung und eine große Veränderung im Verhältnis zwischen Fan und Star fand dann mit dem Internet und Social Media Plattformen statt.

Mit dem Internet wurden Fan Communities internationaler, sichtbarer und sie bekamen schneller und direkter Zugang zu Informationen über und von ihren Stars. Social Media Plattformen brachten dann noch mal mindestens zwei Veränderungen, gerade mit der Form des endlosen Streams der Timelines: Erstens stehen News von deinem Star auf Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter mitten zwischen den Statusupdates von deinen Freund*innen, und es kommt eine Zeitlichkeit dazu: Der Stream begleitet dein Leben in Echtzeit. Zweitens brauchst du kein technisches Vorwissen um selbst etwas zu posten auf tumblr, Facebook oder sonstwo. Dementsprechend ist das Teilen von selbstgemachten Fan-Bildern oder -Videos oder Kommentaren zu der Musik oder den Stars einfach geworden. Und die Fans sind besser denn je untereinander vernetzt. Das reine Schwärmen für den Star als Beziehung von einem Fan direkt auf den Star ist natürlich präsent, aber daneben hat die Rolle der Fan Community rund um das Objekt des Stars an Bedeutung noch zugenommen.

Partizipatorische Fankultur wächst

Ein Fan will heute meist nicht nur konsumieren, sondern will nach dem Konsum eines Werks sein Urteil abgeben, diskutieren, weiterschreiben, selbst aktiv werden, sich selbst inszenieren. Selbst kreativ werden in der Reibung am Star. Fan Communities sind Orte geworden, die von zahllosen Leuten genutzt werden, um zusammenzukommen um über das Werk kommuniziert ihre sozialen Werte und kulturellen Interessen auszudrücken oder zu diskutieren. Die Bereiche vermischen sich dabei, niemand ist nur Fan von einem Star oder einem Film oder Game. Fans selbst werden zu Stars. In der Gamerszene gibt es mit Twitch.tv eine Livestreaming Video Plattform auf der sich 1000e von Game-Fans gegenseitig beim Spielen zuschauen und Kommentare dazuchatten. LP, kurz für Let’s Play, ist der Name dafür, wenn ein Video-Gamer sich beim Spielen und gleichzeitigen Kommentieren filmt. Das reicht von Kids, die einfach Fans sind, bis zu richtigem Geldscheffeln. Der erfolgreichste Youtube-Star, der sowas macht, PewDiePie, ein Schwede, hat 2015 mit genau sowas an die 7 Mio Euro verdient.

Bei Filmen und Musik wird das Werk kaum nach Veröffentlichung oder Leak sofort weiterbearbeitet. Es ist, als würden Werke von vielen nur noch als eine Möglichkeit einer Geschichte oder eines Songs gesehen, und Fans remixen die Musik sofort, oder erzählen die Geschichte eines Films oder Buches weiter oder anders. Da werden Fantasien ausgelebt, alternative Weltentwürfe gesponnen, Ungerechtigkeiten ausgeglichen. Gerade für Minderheiten ist das auch ein wichtiges und spannendes Feld geworden: alternative Handlungsstränge mit People of Colour, Queers, Genderswitching macht Frauen zu Heldinnen, Behinderte werden zu Held*innen. Auf Tumblr zum Beispiel gibt es eine sehr aktive Szene, die genau damit spielt, Bilder zeichnet oder bearbeitet und postet, gif-Serien von Lieblingsstellen in einem Film oder Musikclip erstellt und kommentiert, und so weiter. Oder es entsteht gleich ein neues Fan-Musikgenre, z.B. Wizard Rock: lauter Bands mit Songs, die sich um Figuren und Geschichten aus dem Harry Potter Kosmos drehen. Ich greife mal Fanfiction als einen Bereich heraus, der schon zu LiveJournal Zeiten geblüht hat, aber heute immer noch superlebendig ist.

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Derivate Kultur, partizipatorische Kultur: Fanfic

Fanfic ist eine große kreative Szene. Es handelt sich dabei um das Weiterspinnen oder Verändern von Geschichten, oder das phantasievolle Erfinden von Geschichten um einen Star oder einen fiktiven Charakter aus einem Buch, Film oder Spiel. In Fanfiction findet oft das Ausdruck, was Fans als zu unterrepräsentiert im Mainstreamstorytelling empfinden. Da kann dann eine Geschichte aus dem Alltag eines Star Wars Troopers dabei herauskommen, oder eine darüber, wie die Golden Girls die Menschheit vor Vampiren schützen, oder auch einfach endlose Liebesgeschichten über Boybandmitglieder. Für One Direction z.B. gibt’s dann eben auch Extra-Websites, die sich darauf spezialisiert haben, nur tausende von Fanfics über One Direction Mitglieder zu sammeln.

Sehr häufig ist auch eine Homoerotisierung: Slash oder Slashfiction ist der Begriff dafür. Zum Beispiel gab es auf tumblr gleich nach Serienstart viel zu der Sherlock-Serie mit Cumberbatch, .u.a. wurden erotische Zeichnungen gepostet, die wahlweise aus Sherlock und Watson oder aus Sherlock und Moriarty ein Liebespaar machten. Es gibt Künstler, die das hassen und ihre Kunst als Marke schützen und gegen so etwas ankämpfen, aber Sherlock ist eine Serie, die selbst ein wenig von der Machart von Fanfic in sich trägt. Da war es dann auch nicht ganz so erstaunlich, das die Sherlock Fanfiction sogar in einer Folge der Serie ein Echo fand: in einer Neuadaption der klassischen “Reichenbach Fall”-Geschichte, in der Sherlock von einem Hochhausdach statt einem Wasserfall stürzt. In der Serie gründet sich daraufhin eine Art verschwörungstheoretische Gruppe, die sich alle möglichen alternativen Theorien ausdenkt, wie Sherlock den Sturz überleben hätte können. Allein das schon hat etwas vom “es hätte doch auch so sein können” der Fanfic-Kultur. Aber es taucht dann auch eine Frauenfigur auf, die wirklich eine eindeutige Hommage an Fanfic-Schreiberinnen ist, und in deren Theorie Sherlock und Moriarty zu knutschen anfangen.

“Wenn es etwas gibt, gibt es auch Pornos dazu”, das ist eine alte Regel des Internets und interessanterweise gibt es bei Fanfic überdurchschnittlich viele von heterosexuellen Frauen geschriebene und geliebte Stories mit männlicher Homoerotik, also Slash. Dazu gibt es eine Statistik von AO3, der Archive Of Our Own Website, einer Plattform für Fankunst und Diskussionen, die eine große Umfrage dazu gemacht haben.

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Über 46% macht die männlich homoerotische Fanfic aus, die Top Ten bestanden nur aus männlichen Paaren, und ganz weit vorne war bei dieser Umfrage Sherlock und Watson.
Was genau hier die Faszination für heterosexuelle Frauen ausmacht ist ein Phänomen, das zahllosen Wissenschaftler*innen seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet. Ein paar Erklärungsansätze sind zum Beispiel: Das Material. Viele Serien haben nur männliche Hauptfiguren, also kommt es vermehrt zu homoerotischen Alternativerzählungen, weil einfach keine Frauen da sind. Und wenn mal eine Frau dabei ist, ist es oft keine, mit der sich andere Frauen identifizieren würden, sondern sie sind für den männlichen Blick angelegt. Oder eine weitere Theorie: Frauen fühlen sich wohler mit schwuler Erotik, weil sie in heterosexueller an jeder Ecke Sexismus um die Ohren kriegen. Vielleicht drückt diese Dominanz von Frauen hier einfach das aus, was ich bei Musik schon als emotionales Dilemma vieler Mädchen beschrieben habe: Bin ich verliebt in den Star oder will ich der Star sein? Vielleicht identifzieren sich viele von uns Frauen lieber mit Slash, weil schwule Pornografie mehr Gleichgestelltheit zwischen Partnern ausdrückt. Man weiß es nicht. Wahrscheinlich spielt von allem ein bisschen was mit rein.

Fanfic sind nicht immer nur Kurzgeschichten, es gibt zum Beispiel eine vielgepriesene 1000 Seiten lange namens ‘Isolation’, ein sogenanntes “Dramione”, eine Psycho-Liebesgeschichte zwischen Draco Malfoy und Hermione Granger aus dem Harry Potter Universum. Dazu haben dann wiederum andere aus Originalmaterial der Potter-Filme zusammengeschnipselte Fake-Filmtrailer gemacht und auf Youtube gestellt. Auch das ist ein Fan-Genre für sich. Fanfic gibt’s von viel wirklich üblem Trash bis zu gutgeschriebenen, spannenden Geschichten. Oder es gibt auch Fanfic in Kurzform, als Twitter Accounts, hier ein paar Tweets aus einem für Beyoncé Fanfic:

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Natürlich gibt es auch heute nicht nur die partizipatorische Fankultur, es gibt unzählige Schattierungen von Fantum, von treuen nostalgischen Sammler*innen und Archivar*innen bis zum kommerziellen sich Eindecken mit immer den neuesten Fanartikeln. Die kommerzielle Merchszene ist natürlich auch riesig geworden. Ganze weltweite Produktserien für Directioners oder Beliebers oder Star Wars Fans. Oder Whisky von Heavy Metal Bands. Auch der liebevolle absurde Bandmerch hat sich längst von der DIY Punkszene in die For-Profit Musikszene ausgebreitet: Beispiele wären Fan-Merch wie der Shokei Flachmann, die Kommando Sonne-nmilch Geschirrtücher, der The Locust Spiegel, die Hudson Mohawke Butterdose oder limitiertes Sexspielzeug zum Vinyl von Sophie. Was für die einen ein kaum profitables Spiel mit Absurdidät im Rahmen ihrer Musikkultur ist, ist für viele Musiker, die Karriere machen wollen, der Kampf ums Überleben auf dem Aufmerksamkeitsmarkt. Die Aufmerksamkeit von potentiellen Käufer*innen ist das wertvollste und höchstumkämpfteste Gut heutzutage, nicht zuletzt dank Social Media und werbefinanzierten Geschäftsmodellen.

Social Media und der Aufmerksamkeitsmarkt

Für Musiker*innen ist das Internet wie für alle anderen auch gut und schlecht. Mit MP3 Sharing kam ein Rückgang der Verkaufszahlen, aber gleichzeitig mehr und einfacherer Zugang zu einer breiten Öffentlichkeit von potentiellen Fans. Durch Digitaltechnik wurde das Machen und Aufnehmen von Musik billiger und einfacher, und damit für viel mehr Menschen möglich, aber es entstand auch viel mehr Konkurrenz. Mit dem Netz kam weniger Angewiesenheit auf Labels, Vertriebe und Journalisten als Gatekeeper des guten Geschmacks, gleichzeitig aber mehr eigene Promoarbeit oder mehr Angewiesenheit auf Marketinginstanzen, um in der Flut von anderen Künstler*innen überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Musik allein reichte irgendwann nicht mehr. Es brauchte ein Video, Bildmaterial um die Social Media Kanäle zu füllen, die Band im Studio, die Band im Tourbus, die Band beim Schlafen, Essen, und so weiter. Immer wieder neue Spielereien, Wettbewerbe – alles mögliche, was Publikumsaufmerksamkeit erhascht.

Social Media beeinflusst auch, wie Musik gemacht wird, Robin James sprach beim Theorizing The Web Music Panel 2015 in diesem Zusammenhang die alte musikalische Tradition des “call and response” an, die vor allem in afro-amerikanischer Musik zum Einsatz kam. Das heißt, dass Musik mehr denn je gezielt für Social Media Vernetzung mit den Fans gemacht wird. Am besten bezieht man gleich seine Fans mit ein, macht sie zum Teil des Werks. Ein paar Beispiele: Es gibt von Ellie Goulding ein Video aus 1200 Bildern die Fans dafür auf Instagram für sie gepostet hatten. Oder Jets Overhead, ‘What you really want’: ein interaktives Social Video, für das Fans ein Bild von sich hochladen konnte, mit einem Schild, auf dass sie Wünsche geschrieben hatten. Bei jedem Abspielen zeigt das Video eine andere Auswahl aus diesen Bildern.

Die Fanreaktionen auf sozialen Netzwerken gehören zu dem ganzen Musikzirkus mehr denn je dazu: Musikjournalismus besteht heute regelmäßig aus Berichten über die interessantesten, lustigsten, bösesten Fan-Reaktionen zu irgendwas, was Musiker getan oder veröffentlicht haben. Und manchmal passieren dann auch so furchbare virale Dinge wie der Harlem Shake von Bauuer oder Gangnam Style – dass die ganze Welt Musikclips nachspielt. Da ein großer Teil der Präsenz von Künstlern über Social Media funktioniert, wird es wichtiger, eine gut durchdachte Star-Figur für Facebook/Instagram/etc dauerpräsent zu haben. Ein ganzes Image, ein Leben, eine Kunstfigur, am besten in Echtzeit. Die Rolle des Stars hat sich verändert: Immer mehr muss er oder sie um die Gunst des Fans buhlen, ist nicht mehr angehimmelte rare Legende, nein: Das einzigartige Künstlergenie ist tot, Musiker*innen gibt es wie Sand am Meer und sie kämpfen um die Aufmerksamkeit ihrer Fans, weil sie wissen wie schnell sie wieder aus dem Rampenlicht verschwinden. Die Methoden, mit denen gebuhlt wird, sprechen Bände über die Dringlichkeit. Ein Exklusiv-Gratis-MP3 im Austausch für die Emailadresse, über die dann auch noch per Newsletter ins Bewusstsein des Fans gehämmert werden soll, ein Unplugged- oder Beatsmaking-Clip auf Youtube wie eine Art Privatkonzert, Instagram-Fotos aus dem Privatleben, viel besser inszeniert als die von Paparazzis – die damit auch ein Stück weit überflüssig wurden -, oder ein noch privaterer Foto-Schnipsel auf Snapchat. Unvergessliches halbwegs aktuelles Beispiel: die Snapchat Jetski-Panne von DJ Khaled. Nur am Rande erwähnt, zum Amusement, davon hat jemand dann gleich eine linke Parodie-Version gemacht, DJ Khamred:

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Reverse Fan Culture

Es werden immer neue Formen des Inszenierens gefunden, um Fans bei Stange zu halten. Ich würde das als Reverse Fan Culture, als umgekehrte Fankultur bezeichnen. Dazu kommt noch das Tracking: Die Stars lassen ihre Marketingfirmen jeden Click ihrer Fans sammeln und analysieren: auf ihren eigenen Websites, Social Media Postings, exklusiv eingebetteten Soundcloud- oder Youtube-Links in Artikeln auf den Seiten von Musikmagazinen, in Newslettern usw – die Daten ihrer Fans werden genauestens getrackt und analysiert, um zu wissen, für was sie sich am meisten interessieren, und in diese Richtung wird dann weitergearbeitet. Ist das nicht ein wenig wie ein Reverse Stalking? Hatten wir früher das Klischee der den Star stalkenden Fans, stellt sich heute mit der Digitalisierung die Frage: wer buhlt mehr um das Interesse des anderen, wer erschleicht sich mehr Wissen über den anderen, wer begehrt den anderen mehr – Stars ihre Fans oder Fans ihre Stars?

Zeilen aus einem Song von Placebo, “Because I Want You Too” sind mir dazu in den Kopf gekommen:

“Stumble into you, is all I ever do
my memory’s hazy and I’m afraid to be alone
tear us in two, is all it’s gonna do

As the headache fades this house is no longer a home
don’t give up on the dream, don’t give up on the wanting
and everything that’s true
don’t give up on the dream, don’t give up on the wanting

Because I want you too
because I want you

Falling in to you is all I ever do
when I hit the bottle coz I’m afraid to be alone
tear us in two”

Der Song kann einerseits als dreckige Kehrseite einer Beziehung gelesen werden, aber eben auch – gerade weil zur Illustration ein Konzert-Video gewählt wurde – als Song über die Beziehung zwischen Star und Fan: über das Betäuben des emotionalen Hangovers und der Einsamkeit nach dem Auftritt mit Alkohol. Der Konzertraum, der nach der Show “no longer a home” ist. Das Begehren, wieder vor den Fans zu stehen, ihr Begehren spiegelnd.

Die richtig großen Stars und ihre Marketingleute heute wissen um die Vorlieben ihrer Fans, wissen, wie sie ein Paket von Song und Video abliefern, das Material für eine Weiterverarbeitung zu Memes durch ihre Fans abgibt. Drake, zuletzt mit seinem Hotline Bling Video, ist zum Beispiel einer von denen, die das immer wieder hervorragend hinbekommen. Für mich persönlich war einer der größten Coups, der in den letzten Jahren wirklich perfekt Marketing, Aufmerksamkeitsgenerierung mit künstlerischer Vieldeutigkeit, Anknüpfungspunkten für Fans mit einer positiven Message und ‘nebenbei’ auch einem großartigen Song verbunden hat: Beyoncés “Flawless”. Das hab ich mir herausgepickt, um ein bisschen genauer drauf einzugehen.

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Beyoncés “Flawless”: Fangirling, Politics, Marketing

Es gibt auf sozialen Medien eine ganze neue Generation von jungen Frauen, vor allem aus dem US-amerikanischen und britischen Raum, zunehmend aber auch hier, die soziale Plattformen für einen großartig lustvollen intersektionalen Feminismus nutzen und das dort auch über Fankultur, ja: Fangirling ausleben. In Folge des Gamergate-Skandals vor ein paar Jahren, beschimpften Männerrechtler aus der Videogamingszene Frauen, die Sexismus in Videospielen kritisieren, als Social Justice Warriors – ähnlich vielleicht wie hierzulande sozial gesonnenere linke Kreise von Rechten als Gutmenschen beschimpft werden. War ein bisschen ein Fehler, denn “Social Justice Warrior” klingt halt einfach schon cool, gerade für so eine Gamerseele, und das als Schimpfwort gemeinte Wort, wurde einfach ins Positive verkehrt und auch gleich selbst verwendet, Buttons damit gebastelt usw. Der Begriff wird inzwischen weit über die Gamerszene hinaus gerne für diese junge Generation von Menschen verwendet, die sich politisch für Rechte von Marginalisierten einsetzen, und die verstehen, das Internet zum vernetzenden und verstärkenden Austausch zu verwenden. Diese Szene hat auch das hemmungslose Schwärmen für alles von Katzen bis zu Filmen, Pizza oder Musik-Stars wieder für sich entdeckt. Politics und Fankultur gehen hier Hand in Hand.

Genau diese Sorte Feminist*innen hat Beyoncé – oder ihr Medienteam – mitten ins Herz getroffen, und gleich noch drüber hinaus für einen riesigen Schwung Menschen weltweit Feminismus wieder ein Stück salonfähiger gemacht. Es gab zahllose gifs mit Szenen aus dem Video, die Zeilen “I woke up like this – flawless” (”ich bin so aufgewacht, makellos”), wurden zu Hashtags und Memes und T-Shirts, ja unzählige Selfies wurden mit dem Satz gepostet, alle fühlten sich Beyoncé plötzlich schwesterlich verbunden: wir sind alle flawless, makellos schön, egal ob zerzaust und ungeschminkt, oder ob total aufgebrezelt, uffjemiezt. Das Selfie wird zum feministischen Ausdruck, in jeglicher Lebenslage, egal ob gestylt oder ungestylt, ist “provokative Selbstdokumentation”. Ein Begriff, den ich vor kurzem in einem rückblickenden Review zu dem Film ‘Kids‘ als typischen Ausdruck der derzeitigen Jugendkultur gelesen habe, und den ich treffend finde. Im Review heißt es: “What [Kids] anticipates is the rise of a youth culture based on provocative self-documentation. The material transformation of media that was fragmenting ‘mainstream’ movies and journalism would soon make it possible for real kids to capture the look of their own lives, or the lives they want to look like they have, in the same glamorized ‘gritty’ style that runs through Kids.”

Mit “I woke up like this – flawless” hatte der Feminismus endlich mal wieder einen neuen Slogan, der so allgemein war, dass er die breite Masse einen konnte, gleichzeitig aber auch sehr persönlich berührte, denn der Schönheitsdruck auf Frauen trifft jede einzelne sehr privat und persönlich. Das “Bow down, bitches” am Anfang des Songs gemeint als selbstermutigender Blick in den Spiegel, als “Lass dich nicht kleinkriegen, kleinreden, schau, was du alles schon geschafft hast”. Und im Mittelteil des Songs die auch ohne Beyoncé schon im Netz gefeierte Rede “We Should All Be Feminists“der nigerianischen Schrifstellerin Chimamanda Ngozi Adichie – die übrigens inzwischen in Schweden alle 16jährigen Oberschüler als Beitrag zur Erziehung zur Gleichberechtigung als Gratisbüchlein in die Hand gedrückt bekommen. Einen Ausschnitt aus dieser Rede hat Beyoncé als Verbeugung vor Chimamanda in dem Song gesampelt – ein Ausdruck ihres Fanseins in den Song eingebaut. Eingerahmt ist der Song in eine Original-Szene aus der TV-show Star Search, in der eine schwarze Girl Group, Beyoncés Teenager-Band Girls Tyme, in einem Fernsehduell gegen eine weiße Männerband antrat. Am Ende des Songs verliert ihre Band gegen die Männerband. Die schwarzen Mädchen gegen die weißen Männer. Der Song dazwischen als großes “Jetzt erst recht!”, die Geste die auch in der wütenden Zeile “Bow down bitches” anklingt.

Wie Beyoncé das als Video umgesetzt hat, ist dann noch mal ein brillanter Twist, denn dazu greift sie ausgerechnet die Skinhead-Punkszene auf und spielt den Punk-Pit als post-rassistische, geschlechtergleichberechtigte Utopie aus, in der alle hemmungslos abgehen ohne groß auf ihr Aussehen zu achten. Gleichzeitig schwingt über die Figur des Skinheads eine Anspielung auf Rassismus und Cultural Appropriation mit, kulturelle Aneignung: Sie als schwarze R&B Frau eignet sich ein Stück des weißesten Ecks der männlich dominierten Gitarrenmusik an, die Weiße dem schwarzen Blues und Rock&Roll entführt hatten. Und natürlich kommt Fankultur hier auch zum Ausdruck: Der Pit ist der Ort der Fans und sie begibt sich da mitten rein. Hier das Video.

Noch mal kurz den Bezug zur Fankultur zusammengefasst: Der Punk-Pit als Ort der Fans, in den sich Beyonce hier begibt. Das Sample der Rede Chimamanda Ngozi Adigie als Ausdruck von Fan-Sein. Die wie für Fans geschaffene Slogan- und hashtagtaugliche Textzeile, die sie inhaltlich mit ihren weiblichen Fans eint. Die x ikonischen Bilder im Video, die sich für ihre Fans zum Weiterverbreiten eignen, für die Memekultur des Internets anbieten.

Derivate Fan-Kultur als dominante Kunstform in Zeiten der Digitalisierung

Ich habe Beyoncés Verwendung von Chimamanda Ngozi Adichies Rede als Sample bezeichnet. Samples sind meist kürzere Versatzstücke, aber sie sind mehr als dominant in der Popmusik heute und sie sind letztlich oft nichts anderes als die Ehrerbietung eines Fans vor einem vorhergehenden Musiker oder einer Musikerin. Wir leben in einer Zeit derivater Kunst, alles lehnt sich an vorhergegangene Kunst an, sei es die x-te Punkband die nach Ramones klingt, das alte Soulsample im neuesten Hiphoptrack, Tarantino-Filme, oder ein Soundcloudclip, der aus einem um 600% verlangsamten Justin Bieber Song ein experimentelles Drone-Stück macht. Aber auch die DJs, die liebevoll ihre Sets zusammenstellen, Mixes online stellen, oder Leute, die – genauso wie früher Leute über Mixtapes saßen – heute stundenlang an der perfekten Playlist feilen, die sie dann auf Spotify posten. Sind immer wieder abgewandelte Memes nicht kollektive Kunst? Wer ist Fan, wer ist Künstler*in? Die Grenzen werden immer fließender, und fast jede_r ist beides. Und unser Copyright ist da sowas von veraltet und unpassend, da raucht mir schon beim Gedanken dran der Kopf. Auf der einen Seite haben wir Künstler, die darauf pochen, über Copyright an Geld zum Leben zu kommen. Auf der anderen Seite haben wir eine blühende kreative Netz- und Musikkultur, die genau aus dem Übernehmen von Teilen eines anderen Werkes oder aus dem Neuinterpretieren unzählige Kunstformen geschaffen hat, und diese wäre tot, wenn das Copyright strenggenommen würde. Aber wo setzt du eine als gerecht erscheinende Grenze? Ist die Grenze da, wo jemand Geld mit Schnipseln des Werkes von jemand anderem verdient und sollte alles andere, was non-profit geteilt wird, Fair Use sein? Ist die Grenze da, wo jemand sich die bessere Anwältin leisten kann? Letzteres scheint im Moment in der Praxis oft der Fall zu sein.

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Retromania vs Configurable Culture

In Zeiten, in denen du aus Copyrightgründen keine Fotos vom nächtlich beleuchteten Eiffelturm mehr posten darfst, scheint es müßig überhaupt erst das Nachdenken darüber anzufangen – zu verfahren scheint die Situation. Allen Coypright-Klagen zum trotz hält sich die Meme-, Zitat- und Samplekunst aber als Kern unserer derzeitigen Kultur und wird auch nicht mehr loszuwerden sein. Aram Sinnreich nennt sie “Configurable Culture”, denn, so wie früher mündliche und dann schriftliche Kultur, und dann Buchdruck, jeweils ihre speziellen Ausdrucksmöglichkeiten und -formen mit sich brachten, hat uns die Digitalisierung eben endlose Möglichkeiten gebracht Sachen neu zusammenzusetzen und neu anzuordnen, zu rekonfigurieren. Was Simon Reynolds als “Retromania” bezeichnet hat, das Zurückgreifen auf Vergangenes als Sehnsucht nach einer gewesenen besseren Zeit, die er mit einer Unfähigkeit Neues zu schaffen verbindet, das muss nicht unbedingt nur nostalgisches Nachhängen und Rückblicken sein. Ich denke, dieses Benutzen von Vergangenem, diese Zitatkultur lässt sich auch als eigenständig begreifen, und sie zeigt wie stark heute die Grenzen zwischen Fan und Künstler verschwommen sind. Bereits vorhandene Kultur aus vergangener Zeit als Material der Kunst. So lässt sich mit Sinnreich diese Samplekultur etwas weniger als Endzeitkultur verstehen, sondern einfach nur als grundlegender Umbruch, der mit den Möglichkeiten der Digitalisierung entstanden ist.

Einem Umarmen dieser Configurable Culture wirft aber eben die Hyperkommerzialität der digitaliserten Musikkultur Stöcke zwischen die Beine. So ist denn derzeit auch ein kleines pop-avantgardistisches Genre vielleicht das konsequenteste, indem es die kapitalistische Implosion von Popmusik als Inhalt nimmt. Konsequent in einer Zeit, in der Musikmarketing längst seinen Zenith erreicht hat, in der viel Musik nur noch von Sponsoring und Product Placement lebt und mit den Konsequenzen dieser Abhängigkeit zu leben versucht. Da wird in einer hyperkommerziellen Ästhetik, einer krassen Übertreibung von zersampelten gebrochenem kitschigem Charts-Pop, das Vermischen von Musik und Marketing, Marketing als Inhalt in der Musik, bis zum Anschlag aufgedreht. Beispiele wären da PC Music, Sophie oder auch Future Brown, zum Beispiel mit ihrem die Sprache der Werbung aufgreifenden Clip zu “Vernáculo“.

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Future Brown bezeichnen das selbst als kapitalistischen Surrealismus. Für mich wirft das Fragen auf wie: Was ist Produkt, was ist Kritik, was ist Kunst, was ist Marketing, ist Marketing die eigentliche Kunstform unserer Zeit, und als große Kern leuchtet wieder mal auf: Authentizität ist sowas von tot. Was bleibt ist die andauernde Selbstkonstruktion, der immer wieder neue Selbstentwurf als Marke. Das ist es, was Teile der Avantgarde der Popmusik heute durchspielen, Marken wie adidas sind selbst Popstars, und das ist es, was Fans von Popmusik längst für’s Leben gelernt haben. Denn schließlich wird in einer durch und durch von kommerzieller Logik geprägten Gesellschaft auch dein Lebenslauf als perfekte Selbstinszenierung als Marke gefordert. Marketingprofis und Identitätstheoretiker*innen wie Butler und Foucault dürften sich da im Hyperkapitalismus des Social Media Zeitalters einig sein: Identität wird immer performt, immer erst konstruiert und Produktdesigner und Soziologinnen unterscheidet da nur die Blickrichtung oder Zielsetzung.

Als Schluss ist mir das aber zu depressiv, deswegen noch als letzten Satz:

Ein Hoch auf das Fangirling als soziale Praxis der Selbstermächtigung, des kreativen Ausprobierens und der Solidarität der marginalisierten Underdogs!

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Ein paar Quellen:
Dorian Linskey, Beatlemania: ‘the screamers and other tales of fandom’

NPR Staff, How Franz Liszt became the world’s first rock star

Jack Doyle, The Sinatra Riots 1942-1944

Jon Savage, The Columbus Day riot: Frank Sinatra is pop’s first star

Claudia Calhoun, Seventy Years of Pop Idols and Audiences

Brodie Lancaster, The Importance of Music to Girls

Eli Davies, Retrospective Sexism: How Women Are Written out of British Indie Music History

Moira Weigel, Are the kids allright? Larry Clark’s proto-hipster teen grotesque turns 20

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